Story des Monats

September 2003

JOE NEWMAN

Joe Newman, Peter Kölbl
Joe Newman tp&voc Peter Kölbl as


Wenn ich an JOE NEWMAN denke, dann wohnen zwei Seelen, ach, in meiner Brust. Einerseits ein herrlicher Trompeter, ein Iiebenswerter Mensch, ein charmanter Sänger, ein guter Freund dem es - als ich diese Zeilen 1991 für das erste JAZZLAND-Buch (Geschichte & G'schichtln) schrieb - leider gesundheitlich schon sehr, sehr schlecht ging, und der uns dann 1992 für immer verließ.

Andererseits - "on stage" war er ein unleidlicher Despot, der seine Mitmusiker auf offener Bühne nicht nur einmal "zur Sau" machte.

Nach seinem dritten Wien-Besuch fand ich keine Wiener Jazzer mehr, die bereit waren, mit ihm zu jammen, so daß ich - sehr, sehr ungern - ihn immer wieder mit faulen Ausreden abspeiste, wenn er mich anrief, um einen Gig im 'landl auszumachen.

Unseren WALTER STROHMAIER etwa drangsalierte er während dessen Solo so aufdringlich, daß er seine Baßgeige beinahe an die Wand lehnte; als ich dies RAY BROWN erzählte, der ja schließlich auch nicht auf der Nudelsuppe dahergeschwommen ist (Nicht-Wiener lassen sich diese Redewendung bitte von einem Experten übersetzen), lachte er herzlich auf und erzählte: "Das macht er in den USA auch so, er hat mir, während ich ein Solo spielte, auch die Bass-Harmonien beibringen wollen!"

So, lieber Walter, es geht also dem nicht ganz unberühmten RAY BROWN auch nicht besser als dir.

Damals schrieb ich: Bleibt uns eigentlich nur die Hoffnung, daß er doch noch einmal gesundet - und daß er im Alter etwas gütiger zu seinen Mitmusikern wird, denn all seine Unarten auf der Bühne sind nicht Bösartigkeit - wie man durchaus vermuten könnte - sondern sein Hang zur absoluten Perfektion.

Aber zu diesem Wiedersehen kam es nicht.

Nie werde ich aber vergessen wie er - immerhin schon als guter "Sechziger" -stundenlang voller jugendlichem Enthusiasmus Platten hören konnte - beim legendären "The Old Circus Train Turn-around Blues" von DUKE ELLINGTON (1966 in Nizza aufgenommen), bei dem JOHNNY HODGES eine unfaßbare Serie von heißesten Altsaxophon Chorussen bläst, tanzte Joe die ganzen elfeinhalb Minuten durch unsere Wohnung, und dann wollte er die Nummer noch einmal hören und dann noch einmal......


© Axel Melhardt
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