Story des Monats

Dezember 2003

DOC CHEATHAM

Doc Cheatham, Harry JirsaDoc Cheatham


DOC CHEATHAM - die erste
(aus "Geschichte und G'schichtln - 20 Jahre JAZZLAND")

Sicherlich eine überaus schillernde Gestalt der Jazzszene. Er kam das erste Mal in einem Lebensalter ins JAZZLAND, wo man ansonsten höchstens noch die Rosen im Vorgarten gießt. Er war schon einiges über die 80 und gastierte damals das zweite Mal in unserer Stadt - das erste Mal mit dem Orchester von SAM WOODING im Jahre 1928, als in Wien der Justizpalast noch nicht gebrannt hatte. Er spielte damals im "Moulin Rouge", wurde vom Österreichischen Rundfunk noch nicht ignoriert, jazzte im Prater im "Eisernen Mann" und am Semmering, wahrscheinlich im Hotel Panhans. Er blieb einige Jahre in Europa und lernte auch ziemlich gut Deutsch, was zu folgender herrlichen Szene führte: Am Weg von Schwechat nach Wien fragte ich den guten DOC, welche Diät er eigentlich bevorzuge (in meiner grenzenlosen Naivität schloß ich messerscharf, daß ein Sir von über Achtzig sicherlich nur schonende Kost zu sich nehme). DOC's Antwort kam zweisprachig: "Oh, you see, I eat everything but Blumenkohl. Ich hasse Blumenkohl". Man kann sich meine Verblüffung sicherlich ausmalen, und von da an war unsere Konversation wesentlich erleichtert, denn immer, wenn mein Englisch nicht ausreichte, sprang DOC mit seinen exzellenten, rund 60 Jahre alten Deutschkenntnissen ein.

Jahrzehntelang saß er frustriert in den besten Bigbands der Welt, bei BENNY CARTER, CAB CALLOWAY und vielen anderen, ja sogar bei der kommerziellen PEREZ PRADO BAND wollte man auf seine immensen Fähigkeiten als Lead-Trompeter nicht verzichten. Immer, wenn er ein Solo spielen wollte, sagte der jeweilige Bandleader zu ihm, er solle sich und seinen Ansatz für die hohen Noten am Ende der Nummer schonen. "Soli kann ein jeder blasen", sagte man ihm. "Da haben wir den ELDRIDGE oder den JONAH JONES oder den SHAVERS."

DOC revoltierte, begehrte auf, wollte solieren, der Boß erhöhte seine ohnehin gute Gage um 10 Dollar die Woche, und der gute DOC langweilte sich weiterhin im Satz und riß am Ende der Nummer die Fans mit hohen Noten in die Begeisterung. Endlich - schon jenseits der Siebzig - raffte er sich auf, und kehrte den Bigbands endgültig den Rücken. Seit damals reist er unermüdlich um die Welt und spielt mit kleinen Gruppen und den jeweiligen Hausbands.

Man kann seinen Schrecken sicherlich begreifen, als ich ihn bei seinem ersten Auftritt in Wien mit unserem STANTON JAZZCLUB ORCHESTRA zusammenspannte. Als er dann aber merkte, daß er mit umgekehrten Vorzeichen mitspielen sollte - er als Solist und HEINZ altWIRTH, HUBERT HAWLICEK, JAZZY GRUSSMANN und KURT LUSTIG als Satzsklaven -, da hatte er seine helle Freude an der Sache. Er blies traumhafte Soli über den "Basin' Street Blues" oder "Jumpin' at the Woodside" und bemerkte schließlich schalkhaft: "Jetzt weiß ich, was ich all die Jahre versäumt habe. Andererseits lebe ich heute noch ganz gut von all den hohen Fis, die ich geblasen habe." Er ist natürlich "well off", wie er sagt. Er hat sein sicheres Auskommen, aber er ist nach wie vor ein Vollblut-Jazzer, der sicherlich erst dann seine geliebte Trompete aus der Hand legen wird, wenn er den Weg in die Große Bigband antreten muß.

Es ist eindeutig Koketterie, wenn er schmunzelnd ein "Eines Tages, wenn ich mich zur Ruhe setz . . ." in die Konversation einfließen läßt.

Eines Tages fragte ihn eine (etwas geschmacklose) Journalistin, wie es denn so wäre, wenn im hohen Alter das Interesse am schönen Geschlecht nachlasse. DOC meinte lakonisch: "Da mußt Du jemanden fragen, der älter ist als ich . . .".

Ich habe jedenfalls mit DOC einen mündlichen Vertrag - zu seinem 90. Geburtstag wird er im JAZZLAND spielen (wenn es unseren Club dann noch gibt) - das wäre am 13. Juni 1995 . . .


DOC CHEATHAM - die zweite
(aus "Swing that Music - 30 Jahre JAZZLAND")

Eigentlich wollte er zu seinem 90.Geburtstag noch ins JAZZLAND kommen, aber in seinen letzten Lebensjahren verzichtete er auf lange Flugreisen. Daher mußten wir nach 1992 auf seine herrlichen Besuche verzichten.

Als kleine Ergänzung zur oben erwähnten Geschichte: ich erkundigte mich nach seinen Getränkewünschen, und er verlangte nach irgend Etwas Nicht-Alkoholischem: "You see", sagte er in seiner unnachahmlich sanften Art, "Firewater is no good for a fucking indian!". Doc war reinblütiger Cherokee-Indianer.

Doc war das erste Mal 1928 (!!!) in Wien, damals spielte er im Hotel Panhans am Semmering, im Moulin Rouge und - wie wir durch einen Augenschein feststellen konnten - im "Eisernen Mann" im Prater. Er bereiste damals mit dem "Neger-Orchester" von Sam Wooding ganz Europa. Ich versuchte, den Doc an die populäre Sendung "Seinerzeit" zu vermitteln, denn mit seinen guten Deutschkenntnissen wäre er ein hochinteressanter und witziger Gesprächspartner gewesen - aber der ORF zeigte kein Interesse. Vielleicht hätte ich ihn als Trompeten-Solist für den "Stadel" anbieten sollen?


© Axel Melhardt
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