Story des Monats

November 2003

JAY McSHANN

Jay McShann


Er ist sicherlich eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Jazz- und Bluesszene. Einerseits ein großartiger Swingmusiker der in seiner kochenden Bigband in den späten 30-er und frühen 40-er Jahren immerhin einem CHARLIE PARKER zum Durchbruch verholfen hat, also den Be-Bop miterstehen ließ; andererseits ein genialer Blues- und Boogie-Pianist, der allerdings die eingefleischten Fans dieses Genres bitter enttäuschte, als er an seinen Abenden nicht ausschließlich Blues & Boogie zum besten gab. ("Das hat der doch gar nicht notwendig", empörte sich ein Purist, als JAY nach einem schwermütigen Blues etwa "On the Sunny Side of the Street" intonierte).

JAY kam direkt aus den USA nach Wien, er war einigermaßen übermüdet und hatte auf dem Flug sicherlich so manche Erfrischung zu sich genommen. Zeit zum Schlafen hatte er keine mehr, also nahm er noch eine kleine Erfrischung zu sich, aß eine Kleinigkeit, die er wacker hinunterspülte, und setzte sich schließlich ans Piano, welches nicht ganz seinen Ansprüchen genügte - eine Enttäuschung, die er mit einem kleinen Hochprozentigen verdrängte.

JAY war - wie man in Wien zu sagen pflegte - wuzzelfett und spielte wie ein echter Halbgott.

Er jamte mit WALTER STROHMAIER und FRITZ OZMEC und streifte mit drei Händen (als dritte setzte er seine Stimme als Melodie-, Percussions- und Harmonieinstrument ein) durch die Pianoliteratur - es war eine Sternstunde, die bis heute zu den allerbesten Aufzeichnungen gehört, die unser Tonmeister und Kassettenzauberer WALTER KOLAR mit seinen winzigen Amateurgeräten gemacht hat.

Am nächsten Tag war JAY wieder nüchtern und entschuldigte sich bei mir wegen seiner gestrigen Heiterkeit. "Today I will be sober", versprach er und hielt es (leider) auch wirklich ein.

Und natürlich spielte er wieder großartig, und wieder war die Stimmung prächtig, und es war ein musikalischer Hochgenuß.

Aber die dritte Hand ließ er diesmal weg.


© Axel Melhardt
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