Story des Monats

Jänner - Februar 2007

CHICO

Melhardt's, Freunde, Chico
R.Schwarz - Tilly Melhardt - Ute Pehl - Axel Melhardt
davor CHICO

Wer schon vor 1977 im JAZZLAND war, der kannte meinen Schäferhund CHICO, den ich 1970 im Alter von sechs Jahren von einem GI im Oberammergau (ja, gerade dort) "erbte".

Er war ein echter Jazzhund. Beim Festival in Nizza etwa, kam der berühmte Bassist MAJOR HOLLEY auf mich zu, grinste mich überbreit an und sagte: "Man, I forgot your name", und dann deutete er auf den Vierbeiner, "But that's my CHICO . . . "

CHICO weckte im 'landl auch manchmal meine Frau auf, die, bei der Kassa sitzend (Sie können sich jetzt ausmalen, wie der Besuch in den ersten Jahren war) ein wenig eingedöst war, wenn wieder einmal anderthalb Stunden kein Mensch den Keller betrat. Er kannte seine Pflicht.

Eines Tages lag er vorne bei der Band, die Musik muss ihn nicht brennend interessiert haben, denn er schlief fest den Schlaf des gerechten Hundes. Da meinte ein wohlwollender Tierfreund empört zu mir:

"Das ist reine Tierquälerei, hier einen Hund zu halten, der arme Kerl ist ja vollkommen taub!"

Ich winkte dem Experten, mir zu folgen, führte ihn zum Kühlschrank hinter der Bar - gut zehn Meter von Hund und Band entfernt - nahm eine Dose PAL zur Hand, drückte den Dosenöffner durch das Blech und . . . CHICO stand schweifwedelnd neben mir.

"Seh'n Sie", sagte ich, das ist ein echt tauber Hund . . ."

(aus dem Büchlein: "Geschichte und G'schichtln - 20 Jahre JAZZLAND" - leider vergriffen)

Was hat ein Hund in einem Jazzbuch verloren? Nun, den Chico hatte ich seit 1970 und so erlebte er zwangsläufig die ersten Jahre mit, und da er ein Herr Hund mit absolutem Familienanschluß war, hatte er auch einige bemerkenswerte Begegnungen mit Jazzmusikern und damit eindeutig die Berechtigung erworben, in diesem Buch vorzukommen.

Seine erste echte Story mit einem Jazzer erlebte er 1973 - Champion Jack Dupree, der begnadete Blues-Sänger und -entertainer, gastierte zum ersten Male im JAZZLAND, und der farbige Pianist war absolut entsetzt, daß er mit einem Deutschen Schäferhund auf dem Rücksitz nach Graz fahren sollte. Warum? Wie so viele Schwarze - speziell aus dem Süden der USA - hatte er panische Angst vor großen Hunden und speziell vor Deutschen Schäfern, die man ja - wie alle anderen Hunde auch - "scharf" machen kann, wenn man sie nur schlecht genug behandelt und auf eine Feindfigur "einstellt". Jacks Eltern waren noch als Sklaven geboren worden, und in seiner Persönlichkeit war die Panik vor dem flüchtende Sklaven jagenden Hunde fest einprogrammiert. Es dauerte lange, bis er sich überreden ließ, vor Chico im Auto Platz zu nehmen, und ich erkannte an seiner Körpersprache ganz eindeutig, daß er Höllenqualen litt. Er tat mir herzlich leid, aber ich hätte nicht gewußt, wohin mit meinem Prachtköter. Nach 100 km wurde Jack langsam etwas entspannter, als aber knapp nach dem Semmering mein vierbeiniger Freund seine Schnauze vertraut auf Jacks Schulter legte, wurde er trotz schwarzer Haut sehr fahl um die Nase. Ich verscheuchte Chico, und der legte seine Schnauze einfach auf Jacks rechte Schulter - da konnte ich nicht hinlangen. Hin und wieder kam ein tiefer Seufzer aus gelangweilter Hundeseele, denn Chico wollte gestreichelt werden. Soweit kam es nicht, denn wir kamen in Graz an - Jack legte ein großartiges Konzert hin (teilweise mit der "Original Storyville Jazzband") und Chico sich unter das Klavier. Am nächsten Morgen ging ich mit Chico "gassi", Jack frühstücken, dann kam ich zurück und mußte selbst ein Örtchen aufsuchen, wohin mich Chico schlecht begleiten konnte. Dann kam ich ins Frühstückszimmer, Jack kaute zufrieden und hatte eine Hand unter dem Tisch - da saß Chico zufrieden und ließ sich von ihm kraulen. Da sieht man, welch toller Charakter er war. Er war imstande, die Urangst eines Menschen zu heilen.

Chico konnte aber nicht nur selbst Freundschaften schließen - er bahnte auch welche an. In der Story über Freddie Green wird berichtet, wie sich in Nizza Count Basie wie selbstverständlich zu uns an den Tisch setzte - kein Wunder, denn er kannte uns ganz gut - und daran war Chico schuld. Er war damals schon etwas älter und spazierte nicht mehr wie ein junger Hund von einem Konzertschauplatz zum nächsten. Tilly blieb mit ihm öfters länger sitzen - bei Earl Hines etwa -, und ich rannte von Gerry Mulligan zu Eubie Blake und von Lionel Hampton zu Dizzy Gillespie. Eines Tages kam ich von solch einer Exkursion zurück und bemerkte einen älteren Herren, der neben der Tilly im Gras saß und den Hund streichelte. Aha, dachte ich bei mir, da will wieder jemand bei Tilly landen und versucht es via Vierbeiner. Ich kam näher - und erstarrte vor Ehrfurcht. Count Basie saß am Boden und erzählte meiner Tilly hundeohrenkraulend über seine Hunde in Red Banks. So lernten wir den Count kennen - einen ungemein positiven und bescheidenen Weltstar.

Aber Chico konnte auch Freundschaften verhindern. Es war unleugbar - Dizzy Gillespie hatte in Nizza eine eindeutige "Rutschn" auf meine Tilly. Er versuchte via Kenny Davern mit ihr ins Gespräch zu kommen, plauderte auch schon mit ihr, aber dann kam ich mit Chico, und Dizzy verschwand auffällig hurtig. Er mischte sich in ein Gespräch zwischen Eddie Davis und Tilly, aber dann kam ich mit dem Hund, und er nahm Reißaus. Er hatte eindeutig eine Hundepanik a la Champion Jack oder noch ärger - und in diesem Falle verhinderte der liebe Chico eine Peinlichkeit für die Tilly, die Dizzy als Mensch und Musiker sehr schätzte und durch Chicos Einsatz darum herum kam, ihm eine deutliche Abfuhr zu erteilen - denn der Chico war eine erfreuliche Hilfe, den großen Meister diplomatisch auf Distanz zu halten, Tilly wäre auch ohne ihn "Frau" genug gewesen, um ungeschoren davon zu kommen.

(Aus "Swing That Music - 30 Jahre JAZZLAND" - dieses Buch ist noch erhältlich und der greise Autor gibt gerne Autogramme - er hat geübt!)

© Axel Melhardt
Story