Story des Monats

Jänner - Februar 2002

Thomas Shaw

Thomas ShawThomas Shaw


Er kam in aller Herrgottsfrühe am Westbahnhof an, seiner schmerzender Füße wegen in alten, zerschlissenen Pantoffeln, ohne seine Gitarre und voller Gottvertrauen.

Sein Instrument war irgendwo am Zoll hängen geblieben, aber Gott würde dies schon in Ordnung bringen, und daher würde die Gitarre sicherlich rechtzeitig am Abend zu seinem Auftritt im JAZZLAND bereit sein. "Mach dir nur keine Sorgen", sagte er und legte sich nieder, um ein wenig zu schlafen.

Natürlich machte ich mir Sorgen und rief AL COOK an, um mir zur Sicherheit sein Instrument auszuborgen.

Gegen Mittag kroch Thomas endlich aus den Federn, wir gingen essen, und ich zeigte ihm die geborgte Gitarre - die sah er sich nicht einmal an, denn Gott würde schon dafür sorgen, daß seine eigene rechtzeitig auftauchen würde.

Ich rief am Bahnhof an - nichts. Thomas erzählte unbekümmert von Gott und der Welt, vor allem von Ersterem, und klärte mich darüber auf, das die gesamte Geschichtsschreibung eigentlich falsch wäre. Christus hätte zwar wirklich gelebt, das sei sicher, aber er war ein Schwarzer gewesen. Auch alle Apostel, die meisten der Heiligen und fast alle Engel wären Schwarze - und das ganze Alte Testament hätte sich im Süden der USA zugetragen. Das wisse er ganz genau.

Ob er nicht doch die Gitarre, die geborgte, wenigstens ausprobieren wolle? Nein - und wozu denn auch, seine eigene käme ganz sicher.

Thomas hielt einen Nachmittagsschlaf, ich fuhr zum Westbahnhof - keine Neuigkeiten - und ich hinterließ eine ganze Reihe von Telephonnummern. Gegen halb Sieben stand Thomas wieder erfrischt auf, und wir gingen in ein "Beisl" beim Hotel essen, denn damals hatte das JAZZLAND noch keine Küche. Um 19.00 Uhr öffnete das 'landl seine Pforten, die ersten Fans kamen, ich bekam einen wunden Telephonfinger, und Thomas kaute zufrieden ein Wiener Schnitzel und warf keinen Blick auf die Leihgitarre, und am Westbahnhof wußte man nichts über das Instrument des Schwarzen Evangelisten.

Wir übersiedelten ins bummvolle JAZZLAND, und Thomas ignorierte das schöne Instrument von "Cooksie" wie einen Todfeind. Ungerührt und seiner Sache vollkommen sicher betrat er 10 Minuten vor 21.00 Uhr das Podium, rückte seinen Stuhl zurecht und richtete sich ein Gesangs- und ein Gitarrenmikrophon für sein Konzert her und blickte - als er damit fertig war - zum Eingang, durch den soeben ein Taxifahrer das Lokal betrat, um die verschollene Gitarre abzugeben. Ungerührt und nicht im Mindesten überrascht, nahm Thomas sein Instrument entgegen, stimmte kurz und begann mit seiner ersten Nummer.

Das Konzert war herrlich, Thomas war einer der ganz Großen des ursprünglichen Country-Blues, und wenn auch sein Name in keinem Buch und keinem Lexikon zu finden ist, so war er doch ein Musiker, den man ohne weiteres mit einem CHARLIE PATTON oder BLIND WILLIE JOHNSON in einem Atemzug hätte nennen können.

Am frühen Morgen reiste er wieder ab, mit seinen zerschlissenen Pantoffeln und seiner Gitarre, und ich blieb in Wien zurück - leicht verunsichert, was die Frage der Hautfarbe von Jesus Christus anbelangt.


© Axel Melhardt
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