Story des Monats

Jänner - Februar 2018


Kapitel 40 einer (möglichst) langen Serie .....
Axel Melhardt
Axel Melhardt plaudert:

Als das JAZZLAND vor rund 45 Jahren eröffnet wurde (und ihm eine niedrige einstellige Lebensdauer zugebilligt wurde) gab es so gut wie keine Bluesszene. Alter und Neuer Jazz florierten nebeneinander zaghaft, aber es gab nur einen Mann mit seiner Gitarre, der die Welt der drei Akkorde predigte. Und so gut Al Cook auch war – er war in den Augen der Allgemeinheit ein skurriler Außenseiter, der sich allmählich und mühsam (aber endlich doch erfolgreich) einen Platz im Musikgeschehen der Musikstadt Wien erkämpfte.
Heute gibt es neben dem verdienstvollen Veteranen eine ganze Reihe von herausragenden Musikern, die sich als Solisten profiliert haben und um die uns viele andere Städte beneiden – aber Erik Trauner, Siggi Fassl, Peter Kern und einige andere kann man sich höchstens ausborgen – sie sind aus der Jazz&Blues-Szene Wiens nicht wegzudenken und daher absolut unverkäuflich…
 
Hans Theessink
& Blind Willie McTell
 
Hans Theessink Blind Willie McTell
Hans Theessink
(Jazzland 02. bis 06.01.2018)
Blind Willie McTell
Cover LP "Last Session"
(Prestige/Bluesville 1040)
 

So ist es vielleicht ein bißchen ungerecht, daß wir den Niederländern einen grandiosen Blues-Barden entwendet haben, denn auch der grandiose Hans Theessink ist aus der Donaustadt nicht mehr wegzudenken und er hat auch kein "Abreisesymptom", denn er hat hier (und sogar im JAZZLAND) seine Milica kennen und lieben gelernt und die beiden sind in den letzten Jahrzehnten zu einem festen Bestandteil der Musik- und sonstigen Szene Wiens geworden.

Neben seinem vier- oder fünftägigen Neujahrskonzert unter der Ruprechtskirche findet ebenfalls alljährlich im Musikvereinsgebäude ein vergleichbares Ereignis statt. Diese opulente Veranstaltung leidet allerdings schwer darunter, daß der Mann im Frack, der dem Orchester die Einsätze aufoktroyiert, fast jährlich ausgetauscht wird.

Das kommt bei uns nicht in Frage, denn der Hans ist zu einem Symbol des erfreulichen Jahreswechsels für Jazz- und Bluesliebhaber geworden – wir geben ihn nicht her, nicht einmal für eine dem Ronaldo vergleichbare Ablösesumme.

Seine Konzerte im JAZZLAND sind fast immer grandios gut besucht, die Fans stehen oft schon eine halbe Stunde vor 19.00 Uhr (da sperren wir auf) vor der Türe und im kleinen Keller findet man kaum zehn Minuten später nur mehr schwer einen freien Platz.

Sein Repertoire ist – weit untertrieben ausgedrückt – umfangreich. Er mischt respektlos erstklassigen Folk-Blues mit authentischem Texas-Sound, findet in alten Hadern die jedem Bluesfan in alle Herzkammern eingraviert sind neue Facetten, gräbt alte Schätze aus, die nicht einmal den würdigsten Gallionsfiguren geläufig sind und trägt eigene Kompositionen vor, die innerhalb weniger Minuten so "ins Blut gehen", daß man glaubt, den Titel schon vor Jahrzehnten inhaliert zu haben.

Eines dieser originalen Prachtstückte ist dem zu Unrecht weitgehend vergessenen Gitarristen und Sänger Blind Willie McTell gewidmet, der in den 20-er und 30-er Jahren einige herrliche Schellacks eingespielt hat und damit eine (bescheidene) Popularität gewonnen hat – aber natürlich verschwand er wie so viele seiner Kollegen bald wieder von der Bildfläche.

Man weiß nicht viel über ihn, aber ein fast wahnwitziger Zufall erinnerte die Bluesszene nochmals an diesen Giganten:

Irgendwann in den 50-er Jahren bekam ein unbekannt gebliebenener und daher namenloser junger Mann etwas ganz besonderes geschenkt – ein tragbares Tonbandgerät. Mit dem begann er zu experimentieren, nahm Vogelstimmen, die vorbeifahrende Eisenbahn, das Glucksen eines Baches und den Gesang eines Bettlers im Hinterhof auf, den er sogar fotographierte……

Jahre später begann er sich für die Musik der Farbigen zu interessieren und die Stimme auf einer frisch erschienenen LP mit Aufnahmen aus den 20-er Jahren erinnerte ihn an sein altes Tonbandgerät und den singenden Bettler……und Blind Willie McTell erlebte auf einer heute längst vergriffenen LP (Prestige/Bluesville 1040) eine posthume Wiedergeburt……

Und viele Jahre später wird der vergessene, schwarze Barde von Hans Theessink imaginär auf die JAZZLAND-Bühne gebeten und ein guter Teil des frenetischen Applauses, den Hans verdientermaßen genießen darf, gebührt eigentlich dem 1959 in Vergessenheit verstorbenen Blues-Giganten Blind Willie McTell……


© Axel Melhardt
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