Story des Monats

Dezember 2004

EDDIE "LOCKJAW" DAVIS DIE DRITTE - II

Minton's Playhouse - Eddie "Lockjaw" Davis - Wo der Bepop entstand Eddie "Lockjaw" Davis
Wo der Bebop entstand ... Eddie "Lockjaw" Davis ts

(Fortsetzung vom November 04)

Er begann mit der Musik Ende der 30-er Jahre. Er hatte immer gerne Jazz gehört und trieb sich in den Kneipen Harlems herum. Bald stellte er fest, daß die schönsten Mädchen sich am meisten für die Tenorsaxophonisten und den Drummer interessierten, und als er dann sah, daß der Bläser schon mit einer der attraktivsten jungen Ladies an der Bar saß, während der Drummer noch seine sieben Sachen packte, da war alles klar - er kaufte sich ein Tenorsax. Nach acht Monaten autodidaktischem Studium war er soweit, er verdingte sich in einer Bigband, holte sich dann von IKE QUEBEC wertvolle Tips und wurde sehr schnell zu einem Begriff in New York.

Eine Geschichte aus der damaligen Zeit ist wahrscheinlich nur wenigen Experten bekannt:

Eddie war damals nicht nur als Musiker tätig, sondern er war im legendären "Minton's Playhouse" auf der 52nd Street sozusagen "musikalischer Direktor". Er ermöglichte in den 40-er Jahren die berühmten Sessions mit CHARLIE PARKER, DIZZY GILLESPIE und CHARLIE CHRISTIAN, die als die Geburtsstunden des Modern-Jazz gelten.

So mancher Musiker der damaligen Avantgarde-Szene hatte keine allzu gute Meinung von ihm, wenn JAWS ihn nicht an den nächtlichen Sessions teilnehmen ließ, denn er holte nur diejenigen Musiker auf die Bühne, von denen er eine entsprechend hohe Meinung hatte. So entstand so manche Animosität, die oft erst in viel späteren Jahren beigelegt wurde, und EDDIE DAVIS, den ich nur als guten Freund kannte, galt bei so manchem Jazzer als unzugänglich und abweisend.

Vielleicht kam dies auch durch die Tatsache, daß er schon in frühester Jugend durch eine sehr harte Schule mußte. Er ging im Dschungel von Harlem nur sehr sporadisch zur Schule. All seine, sehr vollkommene, Bildung erarbeitete er sich selbst, und auch in seinem Elternhaus dürfte so manches nicht gestimmt haben. Auch später in der BASIE-Band mußte er oft die unangenehmen, aber notwendigen Pflichten auf sich nehmen. Sollte etwa ein Musiker gefeuert werden, so drückte sich der COUNT um die unangenehme Auseinandersetzung und schickte Eddie vor. So kam er zu dem Spitznamen "The Hatchet Man", was ungefähr "Henker" bedeutet - kein Wunder, denn aus der herrlichen BASIE-Band hinausgeworfen zu werden, kam schon einer Hinrichtung gleich.

Wir erlebten Eddie nur ein einziges Mal wirklich böse: bei seinem allerersten Gastspiel in der JAZZLAND-Ära trafen wir einander in Innsbruck - vor den Auftritten in Wien hatten wir noch drei Konzerte in Hall, Burghausen und Salzburg -, und als Eddie herausfand, daß ich ihn mit einem Elektro-Baß bedacht hatte, da war ich nicht weit vom oben erwähnten Fallbeil entfernt. Obwohl ich um die Fähigkeiten von STEFAN PROKESCH genau Bescheid wußte, so war ich doch ein für die Klapsmühle überreifes Nervenbündel, als in Hall die erste Nummer begann.

Aber nach kaum zwei Takten unterbrach Ederl das Thema, grinste mich breit an und machte mit "Daumen oben" sein Zeichen der Zufriedenheit, das wir alle in den kommenden Jahren so oft von ihm sehen durften. Jahrelang spielte er stets erfreut mit STEFAN, dessentwegen er fast wieder abgereist wäre.

JAWS hatte unter den Wiener Jazzern eine stolze und lange Liste von Lieblingsmusikern: "The Banker" war VIKTOR PLASIL, der wegen seiner stets adretten Kleidung zu seinem Spitznamen kam. Er freute sich immer auf ein freundschaftliches Duell mit PETER KÖLBL, von dem er ganz große Stücke hielt, und dem er eine ganz große Karriere zugetraut hätte, wäre er in den USA Profimusiker geworden. Er beobachtete mit viel Freude und auch ein wenig Stolz die immensen Fortschritte, die der ja ursprünglich blutjunge MICHAEL STARCH (den er beharrlich "Startsch" aussprach) machte, als er den großartigen FRITZ PAUER ablöste der für längere Zeit im südamerikanischen Dschungel verschwand. Er jamte liebend gerne mit GERD "WOODY" BIENERT, dessen neuerliche phantastische Steigerung in den letzten drei Jahren er nicht mehr miterleben konnte, und WALTER STROHMAIER, dessen grundsolide Basslinien er so manchem Vielspieler und Saitenakrobaten vorzog.

Ein besonderes Kapitel war sein Zusammentreffen mit KARL oder auch CHARLIE RATZER, der 1982 mit Gitarre und ohne Verstärker ins 'landl kam, sich in die Verstärkeranlage einstöpseIte und mehr oder weniger uneingeladen zur Session niederließ. Meine Nerven begannen natürlich sofort zu flattern, denn ich kannte den CHARLIE damals als brillanten Rock- und auch Avantgardemusiker, aber seine Swingfähigkeiten sollte ich erst in einigen Minuten kennenlernen. Obwohl er die von JAWS angerissene Nummer nicht einmal kannte, fügte er sich nach kurzem Hinhören perfekt in die Band ein. Und die Session war so herrlich, daß wir schon am nächsten Tag in GERHARD WESSELY's "Soundborn-Studio" waren. JAWS spielte mit seinen Wiener Freunden eine traumhaft schöne LP ein, die vielleicht demnächst als CD mit einigen Bonus-Tracks erscheinen wird. "Land of Dreams" bezeichnete Eddie als eine seiner besten Arbeiten - und man kann sich vorstellen, was das heißt, wenn weit über 100 LPs unter seinem Namen vorliegen - und wie selbstkritisch dieser große Musiker war . . .

Ein von JAWS ausgeheckter Plan kam leider niemals zustande. In den letzten Jahren lebte er aus Steuergründen im Spielerparadies Las Vegas und erneuerte und intensivierte seine Freundschaft mit FRANK SINATRA und speziell SAMMY DAVIS jun., den er für einen grob unterschätzten Künstler hielt, wenn man ihn einfach als Schlagersänger oder Entertainer bezeichnete. Vor einer seiner Europatourneen war der kleine Gigant bei Eddie und dessen reizender Gattin BEA zu Gast, und EDDIE berichtete von seinen Reiseplänen. Die beiden DAVIS' verglichen die Routen - und kamen darauf, daß der einzige Kreuzungspunkt in Wien lag. EDDIE wußte, wie sehr meine TILLY und ich in SAMMY vernarrt waren, und er beschloß, uns mit einem Besuch des Weltstars zu überraschen. Doch dann kamen die ersten Anzeichen der schließlich fatalen Krankheit von SAMMY dazwischen, er mußte seine ganze Europareise absagen, und EDDIE war schwer enttäuscht, uns um eine solche Sensation kommen zu sehen.

JAWS im JAZZLAND - das sind viele unvergängliche Erinnerungen, die unendlich viel bedeuten. Wie er mich nach meiner Ansage immer mit einem "you - out!" und dem ausgestreckten Daumen von der Bühne wies, wie er mit einem alles übertönenden: "Martin! MILK!" seine unvergleichliche Mischung aus Whisky und Milch bestellte, wie er mit einem erfreuten Lächeln sein Tenorsax sozusagen "schußbereit"" über die Schulter gehängt, seinen Kollegen am Bandstand lauschte - das wird keiner vergessen, der es je erleben durfte. Bei seinen fast 20 Besuchen in Wien, bei denen er manchmal bis zu zwei Wochen blieb, wurde er zu einem festen Bestandteil unseres Kellers, ja fast zu einem Bestandteil der Wiener Jazzszene.

Als er uns 1986 verließ, verlor der Jazz einen der größten Tenorsaxophonisten - wir einen unersetzlichen Freund.


© Axel Melhardt
Story