Story des Monats

September - Oktober 2005

VORWORTE


Das Vorwort zu den Vorworten

Mein erster Beruf war Schriftsteller.

Das kann man genauso wenig lernen wie den Beruf des "Veranstalters", aber in den 50-er und 60-er Jahren verfaßte ich autodidaktisch viele Texte und Übersetzungen, die zum Großteil sogar veröffentlicht wurden. Für die Guten (zu denen ich mich auch heute noch voller Freude bekenne) bekam ich Schulterklopfen, Händeschütteln und nichtpekuniäre Preise, für die anderen etliche Lewonzen, die mir sehr dabei halfen, das JAZZLAND in den ersten Jahren über Wasser zu halten.

Und das Schreiben ist so etwas wie eine (harmlose) Sucht. Als mir nach 10 Jahren JAZZLAND allmählich dämmerte, daß der Club doch nicht nur einige Monate überleben würde, dachte ich daher sofort daran, ein Buch zu verfassen, in dem ich die Erlebnisse im verrückten Mikrokosmos unserer Musik beschreiben wollte. Aber damals - im Herbst 1981 - entdeckte ich in einer Wiener Zeitung das Inserat: "prominenter Wiener Jazzkeller zu verkaufen - Anfragen unter....." und mir verging die Lust das zu verkaufende JAZZLAND in Buchform zu preisen - ich mußte viel dringender Geldmittel auftreiben, um das Lokal, das ich seit 1972 gemeinsam mit meiner Frau Tilly vor dem Zusperren gerettet hatte, um teures Geld zu kaufen.

So kam das Buch ad acta und entstand erst 1992 zum 20-Jahres-Jubiläum. Bis heute freue ich mich darüber, daß ich für dieses Büchlein - inzwischen vergriffen - eine Menge nichtpekuniäre Preise, Händeschütteln und Schulterklopfen erntete, denn inzwischen weiß ich sehr gut, daß man mit Qualitätsware generell nicht reich wird - Jerry Cotton hat mehr Leser als Günther Grass und Hansi Hinterseer mehr Hörer als Louis Armstrong.

Immer wieder wurde ich nach diesem Bändchen gefragt, immer häufiger seit dem Erscheinen von "Swing that Music" - 30 Jahre JAZZLAND.

So entstand die Idee, die alten Texte, die ja ebenso zeitlos sind wie die Musik, um die es eigentlich geht, ins Internet zu stellen und allmählich sind die Texte jetzt fast vollständig - mein Freund Henry Dobes hat sie aus dem alten Büchlein gescannt und der allgegenwärtige Computer-Hexer Günter Weismann hat sie als "Story des Monats" getarnt auf www.jazzland.at gestellt.

Was fehlt sind noch die Vorworte, ich selbst habe damals etwas über die Entstehung des JAZZLAND geschrieben, die Journalisten-Legende HUGO PORTISCH war so freundlich sehr nette Worte zu finden, OSCAR KLEIN betrachtete das JAZZLAND aus der Sicht des Musikers, die gute Seele des traditionellen Jazz in Wien WERNER CHRISTEN und Jazz-Archivar KLAUS SCHULZ schilderten das JAZZLAND aus ihrer Sicht.

Ich glaube, daß es diese Texte ebenfalls wert sind internet(t)isch zu überleben.

Axel Melhardt



HUGO PORTISCH

EIN VORWORT
Hugo Portisch

Jazz, in der uns geläufigen Form, gibt es erst seit hundert Jahren: 20 Jahre im Jazz sind also ein ehrwürdiges Alter. Mit seinem zwanzigjährigen Bestehen ist das JAZZLAND bereits einer der ältesten Jazzclubs der Welt. Ich allerdings sehe es umgekehrt: Alles im Jazz ist jung, wird immer jung bleiben. Jazz ist nichts Festgeschriebenes, nichts Unveränderliches, Jazz lebt und wie alles Leben verändert er sich unentwegt, von Generation zu Generation, von Musiker zu Musiker. Jeder spielt seinen eigenen Jazz, setzt seine Auffassung, sein Gemüt, seine Visionen in Musik um. Es gibt kaum einen stärkeren musikalischen Ausdruck für Individualismus, für die Sehnsucht nach Freiheit. So gibt es auch wohl keine andere Musikkategorie, die kraft ihrer selbst ein derartiges Bekenntnis zur Toleranz, gegenseitiger Achtung und Anerkennung ablegt, wie der Jazz, der das Miteinander-Können, ja das Miteinander-Wollen voraussetzt. Der Jazz ist an verschiedenen Stellen der USA entstanden, aber er kam dahin aus allen Kontinenten. So ist seine Heimat die Welt. Sein Individualismus hat die Engstirnigen, die Kleingeistigen daher immer ebenso abgeschreckt wie die Diktatoren. Seine Heimat ist die Welt und doch braucht Jazz eine Heimstatt. Die kann wandern, mal da, mal dort sein, aber wo sie ist, dort macht der Jazz Geschichte. Das JAZZLAND ist eine seiner nicht so zahlreichen Heimstätten. Im JAZZLAND macht der Jazz Geschichte.

Seit 20 Jahren.



OSKAR KLEIN

THE LAND OF JAZZ
Oscar Klein

"Take me to the Land of Jazz!" singt (!) PEE WEE RUSSEL mit whiskydurchtränkter Stimme auf einer längst vergriffenen Stinson-LP. Die Platte war dazu noch rot, nicht schwarz. In das Land des Jazz wollte ich schon immer, und ich war dreimal in New-Orleans, aber ein richtiger Jazzmusiker (und ich bilde mir ein, einer zu sein) will halt drei bis vier Mal im Jahr in das Land des Jazz, nicht drei bis vier Mal im Leben.

"Wozu in die Ferne schweifen, wo das JAZZLAND doch so nah!" ist die bessere Variante eines blöden Sprichwortes, und ich schweife seit über 10 Jahren mit immer wieder erneutem Vergnügen in diese liebenswerte Stätte des echten Jazz.

Während in anderen Clubs phosphorisierende und indirekt beleuchtete Photos von DUKE, BASIE, BILLIE und anderen Jazzgrößen, welche nie das Lokal betreten haben, hängen, hat bei AXEL jeder abgebildete Jazzstar ausführlich im JAZZLAND gespielt, gegessen, getrunken und gelacht. Ich habe das Gefühl, daß sich diese vielen phantastischen Klänge in den Mauern festgesetzt haben und irgendwie wieder abgestrahlt werden.

Es passiert immer wieder, dass ein Abend besonders gut läuft; mit der BARRELHOUSE JAZZBAND ist es letzthin einmal so gewesen, die Kollektive funktionierten traumhaft, der Rhythmus swingte teuflisch, die Tempi waren ideal, und ich dachte: WILD BILL, BUD, PEE WEE (ERWIN, nicht RUSSEL) und andere mischen von oben da mit.

Und dann das Publikum! Um 19.00 sitzen sie oft schon da, friedlich plaudernd oder sich erfrischend, in offensichtlicher Vorfreude. Wenn ich dann auf die Bühne gehe und mich bei den Leuten für ihr Kommen bedanke, dann meine ich jedes Wort aus tiefster Seele, und ich will dann nur mein Bestes geben, was mir meistens auch gelingt. Es gelingt aber nur dank der Wärme, die vom Publikum auf die Bühne strahlt.

Ursprünglich gehörte ich nicht zur JAZZLAND-Crew. Ich habe von 1959 bis ca. 1975 nicht mehr in Wien gespielt, vorher gab es kein JAZZLAND, aber als ich wieder mit FATTY GEORGE die "Fatty-Live-Show" zu spielen begann, frequentierte ich wann nur möglich AXEL's place. Für mich war er bis dahin ein Alien, welches ich in Nizza traf, und mit dem ich nichts anzufangen wußte. Ihm ist es gleich ergangen. Aber bald stieg ich als Gast ein und wurde (zu Fatty's Ärger) tagweise engagiert.

AXEL und FATTY konnten sich nicht leiden, trotzdem wollte ich sie zusammenbringen, aber es war, wie wenn man Öl und Wasser vermischen will: man kann eine Woche lang rühren, und es bleibt doch getrennt. Ab und zu schleppte ich FATTY - er ruhe in Frieden - ins JAZZLAND, wo er sich wie ein Araber an einer Barmizwe vorkam.

Dürfen sogenannte Journalisten von Boulevardblättern, die an Niveaulosigkeit nicht zu unterbieten sind, BENNY CARTER, BEN WEBSTER, "LOCKJAW" DAVIS, SHELLEY MANNE, BILLY BUTTERFIELD, FRIEDRICH GULDA (ja, sogar ihn, mit BARBARA DENNERLEIN), JAY Mc SHANN, KAI WINDING oder HARRY EDISON ignorieren? In Wien offensichtlich schon, ein Jahrzehnte dauernder, handfester Skandal. Diese Blättchen suchen ja nach Skandalen, dieser ist ihnen entgangen.

Mach Dir nix draus, lieber AXEL!! Du schaust auf die und auf andere Politkacker von der Höhe Deiner Integrität sowie Deiner Subventions- und ORFlosigkeit herunter, umgeben von der echten Sympathie von lebenden Künstlern aller Arten und Nationen. Kein KZ*)-Mitarbeiter oder Anstalts **)-Intendant kennt dieses Gefühl. Mach noch einige Jahrzehnte weiter und engagiere mich so oft wie möglich!

*) Kronen Zeitung
**) Öffentlichrechtliche

OSKAR KLEIN dürfte - trotz JOE ZAWINUL - der bekannteste österreichische Jazzer sein, denn ihn kennen nicht nur die Experten, sondern auch der berühmte Mann auf der Straße. Er wurde in Graz geboren, lebte in Italien, der Schweiz und wieder in Österreich und hat sich jetzt in Basel niedergelassen, von wo aus er unermüdlich von einem Konzert in den nächsten Jazzclub reist, um mit einer Unzahl von Bands und herrlich swingenden Kombinationen den traditionellen Jazz zu pflegen. Neben vielen anderen Dingen hat er mit dem JAZZLAND gemein, daß wir beide von den heimischen Medien weitgehend ignoriert werden, was auch in seinem Vorwort deutlich wie immer zum Ausdruck kommt.



WERNER CHRISTEN

VON DER STUNDE NULL
ZUR STUNDE X
Werner Christen

Inzwischen ist das "Landl" für uns schon so zur Selbstverständlichkeit geworden, daß eine 20-Jahr-Feier notwendig ist, um sich Gedanken über diese Sensation des Wiener Musiklebens zu machen und in Erinnerungen zu kramen.

Nach einer Probe der CLASSIC SWING SERENADERS war es, als HORST BICHLER vorschlug, noch ein paar Häuser weiter etwas zu trinken, in einem Lokal, wo ein Musikerkollege vom Schiff als Alleinunterhalter engagiert war. Er unterhielt nicht nur allein, er unterhielt auch niemanden, das Lokal war leer. So lernten wir das "Weinfaßl" kennen, das sowie der an derselben Stelle gerade pleite gegangene "Rosenkavalier" unter der U-Bahn-Baustelle am Schwedenplatz litt. Der Chef war mit unseren Pilotvorschlägen, eine Blues- oder Boogie-Session und ein Jazz-Gschnas "Nacht der Tiere" nur zu sehr einverstanden und sah das erste Mal seit Wochen nicht nur zahlende Gäste, sondern ein volles und swingendes Haus.

Aber da der "WIRKLICHE JASSCLUB" zu dieser Zeit nicht unbedingt ein Lokal führen wollte und konnte, und ich mit dem "STORYVILLE JAZZCLUB" eigentlich mehr als ausgelastet war, ging der Ball an den damals fieberhaft nach einem Lokal suchenden "JAZZRING AUSTRIA", und damit kam er: AXEL.

Für jene, die dies für eine Übertreibung halten, folgendes: Als ich vor drei Jahren beim Jazzfestival in Nizza WARREN VACHÉ ansprach, ob er im JAZZLAND in Wien spielen wollte, strahlte er nur: "Oh, Axel's!" und schon einige Jahre vorher war auch für DOC CHEATHAM und noch früher für SLAM STEWART das JAZZLAND, das sie nur vom Hörensagen kannten, ein Synonym für AXEL, dessen Name in gewissen amerikanischen Jazzkreisen offensichtlich Legende ist. Kaum ein Stargast, der nicht von der beispielhaften Betreuung im JAZZLAND schwärmt.

Diesen Ruf hat sich AXEL, zunächst als Exponent des "JAZZRING AUSTRIA", dann als musikalischer Chef des JAZZLAND und schließlich als "the big boss himself" einerseits mühevoll, das heißt unter großem persönlichen und finanziellen Einsatz, andererseits locker, also mit der Freude, sein Hobby zum Beruf machen zu können, erarbeitet.

Aber zurück zum Anfang: der Mund stand uns offen, als AXEL gleich zu Beginn ALBERT NICHOLAS und BEN WEBSTER holte, Blueslegenden wie BLIND JOHN DAVIS und BIG JOE WILLIAMS nicht nur in Konzerten, sondern auch im Club zu hören waren. Heute erscheint es uns leider viel zu selbstverständlich, daß (hoffentlich noch) jedes Jahr ein DOC CHEATMAN oder ART HODES kommt, aber damals war es eine Sensation für uns alle, daß man MAX KAMINSKY und WILD BILL DAVISON nicht nur mit heimischen Musikern hörte, sondern mit ihnen auch trinken, essen oder ins Casino gehen konnte, und sie vor allem über die alten Zeiten plaudern hörte, wobei sie in Anekdotenschätzen aus ihrem langen Musikerleben erzählten und zu neuen beitrugen:

TEDDY WILSON auf AxeIs sorgenvolle Bemerkung, er hätte noch nie eine solche Gage bezahlt: "I never received as little . . . "

WILD BILL DAVISON zu ALFONS WÜRZL, als er voll Stolz sein Sopransax auspackte: "Keep away that fuckin' soprano", und auf den Einwand, SIDNEY BECHET hätte doch auch mit ihm Sopranosax gespielt: "Yes, but Sidney had a knife . . . "

Eine leider typische Episode war, als AXEL bei einem RALPH-SUTTON-ABEND Freunde - Sutton-Fans - anrief, warum sie nicht hier seien: "Wir sitzen zu Hause und hören uns seine Platten an, wer weiß, ob er noch so gut ist!" Er war noch so gut und noch dazu "live".

Oder RAY BROWN als Witzeerzähler: der Liebe Gott zum sich beschwerenden Papst, weil DUKE ELLINGTON eine größere Wolke hatte: "We've got an assfull of popes, but only one good pianoplayer!"

Wer sonst noch alles im JAZZLAND war, steht sicher an anderer Stelle dieses Büchleins, doch einiger großer Verstorbener will ich noch hier gedenken: SHELLEY MANNE (ein FRITZ OZMEC staunte nur so, wie man Trommeln stimmen konnte), FRANK ROSOLINO (der sich auf der Straße der ORIGINAL STORYVILLE JAZZBAND, die gerade ein Platzkonzert spielte, vorstellte) und natürlich der große EDDIE "LOCKJAW" DAVIS, der sogar sein Amt als Juror der Kostümprämierung beim JAZZBAND-BALL furchtbar ernst nahm, für dessen Hommage aber natürlich AXEL zuständig ist.

Wenige von AXELS Stargästen kamen nur einmal, viele sehr oft, manche wiederum, wie OSCAR KLEIN, ART FARMER, DOC CHEATHAM, früher auch WILD BILL DAVISON und LOCKJAW, sind richtiggehend Stammgäste. Und alle, die wiederkamen, freuten sich schon auf die kongenialen Begleitmusiker oder Bands, die AXEL ihnen zur Seite stellen konnte, und so sind für die nächsten Monate wieder viele Jazzstars aller Stilrichtungen fixiert.

Zum Geburtstag wünscht man dem Jubilar natürlich alles mögliche: daß sich das JAZZLAND weiterhin all diese herrlichen Musiker leisten kann, ohne dabei die heimische Amateur-Jazzszene, die beim Aufbau des Lokals ein wesentlicher Baustein war, zu vernachlässigen, daß die Fans diesen Club nicht im Stich lassen und auch zu Namen kommen, die noch nicht im "Who is who in Jazz" stehen, denn dann kann man sie vielleicht nur mehr auf CD hören.

Noch kein Jazzlokal hat in Wien vor dem JAZZLAND seinen Zwanziger erleben können; ich glaube, daß es auch keinem gelingen wird, das JAZZLAND zu überholen.

WERNER CHRISTEN ist im Wiener Jazzleben seit Mitte der 50-er Jahre verwurzelt. Er war im Vorstand des legendären "HOT CLUB de VIENNE", leitet seit Jahrzehnten unverdrossen und voller Energie den "WIRKLICHEN JASSCLUB", in dem die Wiener Musiker der traditionellen Jazzrichtungen zusammengeschlossen sind und alljährlich den herrlichen "JAZZBAND-BALL" inszenieren, und managt mit viel Liebe die ORIGINAL STORYVILLE JAZZBAND, mit der er manchmal sogar mit viel Stimme einen Song hinausschmettert.

Ohne dass ich ihn allzu lange bitten musste, verfasste er für dieses Büchlein obenstehenden (für mich viel zu schmeichelhaften) Artikel.



KLAUS SCHULZ

FAST EIN VORWORT
Klaus Schulz

Ich erinnere mich noch genau an einen Samstagabend im Februar 1972, als ich mit Freunden - wir bildeten damals den Vorstand des "JAZZRING AUSTRIA" - im "Storyville" Keller saß, und AXEL MELHARDT hereinstürmte und mich aufforderte, mit ihm sofort einige Schritte weiter ein Kellerlokal zu besichtigen, das uns möglicherweise als ClublokaI zur Verfügung stehen könnte.

Die Besichtigung und die Verhandlungen mit den Besitzern verliefen positiv, und Axel stürzte sich sofort in die Arbeit für ein Märzprogramm. Die Eröffnung war spektakulär. Niemand geringerer kam als der New Orleans Klarinettist ALBERT NICHOLAS. In den folgenden Wochen und Monaten schien aber die Vereinsdemokratie (sprich "Vereinsmeierei") das junge JazzlokaI bereits in der Anfangsphase abzuwürgen. Zu einer Konsolidierung kam es erst, als AXEL MELHARDT im September 1972 das "Jazzland" in Alleinregie übernahm. Von diesem Zeitpunkt an erwies er sich als das, was man heute in der Politik als "Realo" bezeichnet.

Die "Durststrecke" währte wohl noch einige Zeit, und die finanziellen Opfer Axels waren nicht unbedeutend, aber der von ihm eingeschlagene Weg erwies sich als gangbar. Jazzamateure und Profimusiker, Traditionalisten und Moderne fanden in der Folge im "JAZZLAND" eine Heimstatt. Mittlere und ganz große Stars des Jazz wechselten in den zwanzig Jahren in bunter Folge, alle Facetten dieser faszinierenden Musik, vom Country Blues bis zum Avantgard-Jazz, waren im "landl" präsent. AXEL MELHARDT ist etwas gelungen, was bisher kein Jazzlokalbesitzer und auch keine große Konzertagentur zustandegebracht haben: Er vermittelte dem Jazzpublikum Begegnungen mit Jazzlegenden, die bislang nur durch Schallplatten oder aus der Jazzliteratur bekannt waren.

Die Gästeliste liest sich wie ein "Who's who" des Jazz.

Wenn nun dieses "JAZZLAND" seinen zwanzigsten Geburtstag feiern kann, so ist das wahrlich ein bedeutendes Ereignis. Für mich persönlich ist es ein kleines Wunder, denn die Musikstadt Wien stand dem Jazz nie besonders wohlwollend gegenüber. Der offizielle Kulturbetrieb hat dem "JAZZLAND" in all den Jahren kaum Beachtung geschenkt, nicht zu reden von finanzieller Hilfe.

In den zwanzig Jahren seines Bestehens ist das "JAZZLAND" für mich und für unzählige andere Jazzfreunde ein Bestandteil des Lebens geworden, eine Zufluchtstätte von den Alltagssorgen und vom Alltagsstreß und natürlich ein Treffpunkt mit den Protagonisten unserer geliebten Musik. Das "Wunder" "Jazzland" verdanken wir einem kleinen Verein, dem heute kein Hahn mehr nachkräht, einer Vielzahl kreativer und oft auch uneigennütziger Musiker, der Energie und dem Idealismus von AXEL MELHARDT und seiner Frau TILLY und nicht zuletzt uns selbst, dem WIENER JAZZPUBLIKUM, das diesem Kellerlokal zwei Jahrzehnte lang die Treue gehalten hat und - soweit es mich angeht - auch weiterhin halten wird.

KLAUS SCHULZ ist seit Jahrzehnten in der heimischen Jazzwelt ein Begriff als Experte, Fan und auch als Manager des großen HANS KOLLER. Da Musiker sich meist auf das Wesentliche - eben auf die Musik - konzentrieren, sind Persönlichkeiten wie er äußerst wichtig, um das berühmte "Werkel" in Bewegung zu erhalten. Klaus war von Anfang des JAZZLAND mit dabei, dann bekrachten wir uns gegenseitig, und heute sind wir gute Freunde. Demnächst wird Klaus eine Radiosendung in Ö2 über unser 'landl gestalten, in der wir von alten Zeiten plaudern werden. Hier seine Sicht über Anfangszeit und Geschichte des JAZZLAND.



AXEL MELHARDT

SO BEGANN ALLES
Axel Melhardt

Wenn man mir am 4. März des verblichenen Jahres 1972 - als das JAZZLAND mit einem rauschenden Fest eröffnet wurde gesagt hätte, daß ich mich im Jahre 1991 daran machen würde, um Geschichten über einen noch immer geöffneten Jazzkeller zu schreiben, so hätte ich lauthals nach der Psychiatrie gerufen, um den Wahnsinnigen per Zwangsjacke in die Gummizelle zu schicken.

Und mit dieser Meinung wäre ich nicht alleine dagestanden. Die Handvoll Jazzenthusiasten, die damals an den ersten Stunden des 'landl beteiligt waren, dachten wohl nicht im entferntesten daran, bei der Geburtsstunde eines der ältesten, langlebigsten, stabilsten und (wenn man will) rundherum vielleicht auch eines der besten der wenigen europäischen Jazzlokale dabei zu sein.

Wir gaben uns vielleicht ein, zwei Jahre, denn allzu viel sprach gegen den Erfolg.

Der Jazz war damals zwar nicht tot, aber er siechte eigentlich ziemlich bedenklich dahin. Es gab zwar das herrliche "Storyville" in der Zelinkagasse, aber da jazzte man nur an Wochenenden, und man kam mit ganz wenigen Bands aus. Den Freitag okkupierte als Besitzer des Kellers die ORIGINAL STORYVILLE JAZZBAND; die Samstage mußten sich BARRELHOUSE JAZZBAND, RED HOT PODS, PRINTERS JAZZBAND mit der CLASSIC SWING COMPANY teilen, die anderen traditionellen Jazzbands sahen durch die Finger. Swing, Modern Jazz, Blues & Boogie und schon gar die Avantgarde hatten überhaupt keine Bleibe, denn das "Josephinum" war schon lange den Weg der meisten Jazzclubs gegangen. Das "RIVERBOAT" existierte leider nur mehr in der Phantasie der rührigen Familie Fohler, und beim gemütlichen "JAZZ-FREDDY" veranstaltete der Chef seine ausgezeichneten Konzerte meist nur unter allergrößter Geheimhaltung ziemlich sporadisch.

Natürlich gab es noch FATTY GEORGE, der es mit seiner großen Musikalität und zumindest ebenso großem Geschick schon immer verstanden hatte, der österreichischen Öffentlichkeit und den Medien klar zu machen, dass der Jazz in und aus diesem Land aus FATTY GEORGE, FRANZ PRESSLER und denjenigen Musikern bestand, die mit ihm auf der Bühne oder vor dem Rundfunkmikrophon standen. Sein Keller am Petersplatz war geschlossen, er hatte ihn sehr günstig als Lagerraum vermietet, und sein Konzept, wie man den Jazz am besten vermarktet, lag noch in der Schublade, von wo er es noch einmal kurzfristig, und wie man bald merkte erfolglos, herausholen sollte.

Die Fans wollten nur ihn sehen und hören, und sein angegriffener Gesundheitszustand ließ ihn nicht mehr allzu oft auf die Bühne kommen.

Damals - man bedenke, 1972 war das Jahr, in dem Karl Schranz von der Winterolympiade ausgeschlossen wurde, und in dem man entsetzlich über die Zweisprachigkeit von Ortstafeln in Kärnten stritt - gab es eine einigermaßen lockere Vereinigung von Jazzfans und Musikern, den JAZZRING AUSTRIA, und mit dem unbekümmerten Eifer meiner 29 Jahre dachte ich mir, hier könne ich mitmachen, Aktivitäten setzen, dem Jazz auf irgendeine nicht näher reflektierte Art und Weise helfen.

Unter den eigentlich gar nicht so wenigen Mitgliedern gab es leider nur wenige aktive Enthusiasten: der nicht mehr unter uns weilende JEFF PALME war eine der großen Triebfedern, aber natürlich auch nicht in der Lage, mehr als ein wenig Freizeit zu opfern; KLAUS SCHULZ war natürlich mit Leib und Seele dabei, allerdings von seiner unglücklichen Doppelrolle als Jazzfan und als Manager und Freund von HANS KOLLER und anderen professionellen Jazzern hin und her gerissen, ERICH MÜLLNER, DIETER SPAK, SUSANNE HERAN-BRUNNER, HEINZ CZADEK, MARTIN WICHTL, GERHARD WESSELY und und und und . . .

Eigentlich nur so halbherzig und ohne allzu große Hoffnungen faßte der Vorstand den Beschluß, einen Keller, ein Lokal, irgendeine Heimstätte für den Jazz in Wien zu finden. Ohne Konzept ging man an die Sache heran, und - wenn ich mich recht erinnere - dachte auch keiner der Fans daran, daß aus dem Ganzen wirklich Realität werden könnte. Aber dann kam uns der berühmte Herr ZUFALL zu Hilfe.

BERNHARD GOTTLIEB, nach eigener Aussage mit dem lieben Gott weder verwandt noch verschwägert, organisierte für oder mit WERNER CHRISTEN vom WIRKLICHEN JAZZCLUB (das ist die traditionsreiche Vereinigung der heimischen Musiker aus dem traditionellen Bereich) in einem Lokal namens "WEINFASSL" am Franz-Josefs-Kai 29 einen kleinen Maskenball, der als "Nacht der Tiere" und als der eigentliche Geburtstermin des JAZZLAND in die Wiener Jazzgeschichte eingehen sollte.

Das Lokal gefiel den Anwesenden einigermaßen gut, und der Wirt, Herr FRANZ KAUSAL, stand mit seinem Stadtheurigen eigentlich knapp vor dem Zusperren. Als die Idee auf den Tisch kam, im "WEINFASSL" regelmäßig Jazz zu veranstalten, da griff FRANZ KAUSAL nach dem Strohhalm, und der JAZZRING AUSTRIA "besaß" einen Keller.

Es ist sicherlich müßig, an dieser Stelle über all die Differenzen aus den Anfangszeiten des JAZZLAND zu berichten, die im Jahre 1972 sogar in einer Klage vor dem Bezirksgericht gipfelten. Ich hatte als mäßig ehrgeiziger Student die meiste Zeit und vielleicht auch ein klein wenig mehr Ausdauer und Elan zum unbedingt notwendigen "leg-work" und schupfte so das Programm ziemlich eigenständig und selbstherrlich, was natürlich bald zu Verstimmungen führte. Es kam zu einem ausführlichen Krach zwischen mir und einem erklecklichen Teil des Vorstandes. Ich verließ den Verein und somit auch das JAZZLAND.

Innerhalb weniger Monate aber kam es zu einem Zerwürfnis zwischen FRANZ KAUSAL und dem JAZZRING - man engagierte teilweise Bands, die für das Jazzpublikum nicht so ganz leicht "verdaulich" waren, man richtete sich ausschließlich nach riskanten, rein künstlerischen Erwägungen und meinte, die gängigeren Jazzrichtungen seien eigentlich dazu da, um Avantgarde und Moderne zu finanzieren, was sich natürlich auf längere Sicht nicht unter einen Hut bringen ließ.

FRANZ KAUSAL, eigentlich jeder künstlerischen Ader fremd, schrie natürlich um Hilfe - zusperren konnte er seinen Stadtheurigen auch alleine, dazu brauchte er nicht die Hilfe des JAZZRINGES.

Als der Vertrag im September 1972 abgelaufen war, entsann er sich des "bärtigen Bierbauchs", der in den ersten Monaten, als das JAZZLAND überraschend gut gegangen war, seinen Mund am weitesten aufgerissen hatte. Er rief mich an und lud mich zu einem Gespräch ein, in dem er seine Vorstellungen einer Zusammenarbeit erläuterte.

Es ist hier auch müßig, darüber zu reden, wie die Zusammenarbeit mit FRANZ KAUSAL und seiner Gattin BERTIE in den folgenden elf Jahren verlief. Vielleicht wird der aufmerksame Leser zwischen den Zeilen den einen oder anderen Einblick in die Atmosphäre des JAZZLAND zu entdecken glauben.

Jedenfalls gelang es uns mit der tatkräftigen Unterstützung des Z-Clubs im Jahre 1983 dem guten FRANZ mit einer erklecklichen Summe das Lokal abzukaufen, das wir mit viel Schweiß und Enthusiasmus selbst aufgebaut hatten und das er im Jahre 1972 ohnehin zusperren wollte . . . Nun ja, es war ja nur Geld.

Dieses Bändchen hat nicht die Aufgabe abzurechnen, aufzulisten oder zu dokumentieren - Sie, lieber Jazz- und Bluesfreund, sollen nur die Gelegenheit erhalten, ein wenig mehr über die mehr als 1000 Musiker zu erfahren, die in den letzten 20 Jahren in unserem Keller für Sie gespielt haben.

Sie sollen einige Geschichten erfahren, die nun schön langsam aus unserem Gedächtnis entschwinden. Wir wollen gemeinsam ein wenig an die herrlichen Menschen und skurrilen Charaktere denken, die zum Teil nicht mehr unter uns weilen, und die in der Geschichte des Jazz und natürlich damit auch in der kleinen Geschichte unseres Lokals unauslöschliche Spuren hinterlassen haben.

Es werden lustige Geschichten sein, banale, traurige und (so hoffe ich wenigstens) auch zwerchfellerschütternde. Vielfältige Geschichten, denn der Jazz ist eine unendlich vielfältige Musik - lebendig, wie das Leben selbst!


© Axel Melhardt
Story