Story des Monats

Juli - August 2004

BARNEY KESSEL

Barney Kessel, Herb Ellis, Monty Alexander Red Mitchell, Barney Kessel
Barney Kessel g, Herb Ellis g, Monty Alexander p Red Mitchell b, Barney Kessel g

Es war zu jener Zeit, als der unsympathische, vergeßliche Herr (ja, es ist schon lange her! Da ist jener Herr gemeint, der niemals am Balkan Dienst tat, und der nichts, aber auch schon gar nichts von den "Vorgängen", die sich damals ereigneten, bemerkt hat) in der Hofburg seinen einsamen Dienst antrat, als der so einfallsreiche, geniale Gitarrist BARNEY KESSEL seinen ersten Besuch im JAZZLAND absolvierte. Auch für ihn war es zwar nicht der erste, aber doch der erste ausführliche Aufenthalt in unserer Stadt.

In den US-Medien war damals Wien eine große Story, und - bei allen begründeten Vorbehalten gegen den oben erwähnten Nicht-Dabei-Gewesenen-der-alles-vergessen-hat - was man da so alles über das Weltzentrum der Antisemiten (also Wien) lesen konnte, war zumindest einigermaßen übertrieben.

Verwundert beobachtete jedenfalls BARNEY einige orthodoxe Juden, die am JAZZLAND vorbei zu ihrer in der Nebengasse befindlichen Synagoge schlenderten.

"Wo sind denn die Leibwächter?" wollte er wissen.

"Welche Leibwächter?" kam nicht unerwartet meine Gegenfrage.

"Nun, in unseren Zeitungen steht, daß es in Wien kein Jude wagen kann, ohne ausreichende Bewachung auf die Straße zu gehen. In Wien gibt es doch Pogrome wie unter dem Stalin in Rußland!", stellte BARNEY fest.

Anhand der gerade rund ums 'landl häufig anzutreffenden Mitglieder der Kultusgemeinde konnte ich ihn schnell überzeugen, daß der uns zugeschriebene Antisemitismus zumindest kraß überzeichnet war; BARNEY konnte bei mehreren Wien-Aufenthalten keine einzige Rassenausschreitung miterleben.

Wahrscheinlich hatte er wegen seiner Vorbehalte dieser Stadt gegenüber sogar ein klein wenig schlechtes Gewissen, denn nach einigen Wochen traf bei mir ein Zeitungsausschnitt aus Milwaukee ein, in dem ein nicht genannter Schreiberling tatsächlich über Rassenkrawalle und Ausschreitungen gegen Juden in Wien berichtet hatte.

Was sich in dieser Stadt abspielt, ist wirklich manchmal sehr übel, aber so schlecht, wie wir vereinzelt dargestellt werden, sind wir doch nicht.

Noch nicht.


© Axel Melhardt
Story