Story des Monats

Mai - Juni 2012


Kapitel 14 einer (möglichst) langen Serie .....
Axel Melhardt
Axel Melhardt plaudert:

Die gar nicht so wenigen und gleichzeitig treuen Konsumenten dieser "Stories des Monats" wissen, daß ich mich an skurrilen Zufällen erfreue. Als eingefleischter Realist (oder bin ich das gar nicht?) weigere ich mich, an das berühmte Schicksal zu glauben, und auch die "göttliche Fügung" reißt bei mir – wienerisch gesprochen – kein "Leiberl", denn der Herr da Droben hat – falls er existiert – mit der Lenkung des Universums sicher zu viel zu tun, um sich mit irdischen Kleinigkeiten zu beschäftigen.
Aber an Zufälle glaube ich – und die findet man in so mancher Geschichte verewigt.
Zufälle in Jazz
 
#6 (2012)
 
Geburtstage & Görlitz
 
 
Torte von Lew Tabackin der Collin Street Bakery Sachertorte für Lew Tabackin zum 71.Geburtstag Torte für Robert Bachner zum 40.Geburtstag
Torte der "Collin Street Bakery" von Lew Tabackin an die Melhardt's an "Jazzland Vienna - Australia" Sachertorte für Lew Tabackin zum 71. ....
(26.03.2012)
.... und Karin Bachner's Torte für Robert Bachner zum 40.Geburtstag
(30.04.2012)
Sachertorte für Mundell Lowe zum 90.Geburtstag Tilly teilt die Sachertorte für Lowe Kathrin und Rolf Melhardt
Axel überreicht die Sachertorte an Mundell Lowe zum 90. Geburtstag ....
i.d.M. Mike Magnelli (02.04.2012)
.... und Tilly schneidet die Torte auf.
v.l.n.r.: Mike Magnelli, Tilly Melhardt, Mundell Lowe
Rolf & Kathrin Melhardt leben in Königshain bei Görlitz, auf Besuch im JAZZLAND
(27.04.2012)
 

Im letzten Monat feierten wir Geburtstag – das JAZZLAND wurde 40 Jahre alt, und daß der grandiose Posaunist und Bandleader Robert Bachner zu dieser Zeit einen Termin hatte, war kein Zufall. Ihm fiel unser geplantes Wiegenfest (blöder Ausdruck im Zusammenhang mit einem Jazzclub) auf und er konnte sich vorstellen, daß er am 4.März 1972 gerade seine Aussiedlung in diese schnöde Welt vorbereitete......- so bereicherte er mit seiner immensen Bigband unser Festprogramm und seine singende Karin Bachner-Ravelsberg bewies mit einer der besten und schönsten Torten, die ich in den vergangenen 69 Jahren bewundern und kosten durfte, daß sie auch im Sacher statt im 'landl Karriere machen könnte. (Es sei verschwiegen, daß man von dieser Torte allerdings leichtes Sodbrennen bekommt – nach dem siebenten Stück hatte ich leichtes Magendrücken......).

Überrascht wurde ich allerdings knapp fünf Wochen vor dem kulinarisch-akustischen Bachner-Festival durch den Herrn Briefträger, der mich frühmorgens aus dem Bett holte. Er präsentierte mir die schon traditionelle Honig/Nuss-Weihnachtstorte, die seit rund 15 Jahren verläßlich und pünktlich ihren Weg aus Corsicana, Texas zu uns findet – der Absender ist Lew Tabackin und heuer verwechselte man in der Collin Street Bakery ausnahmsweise Austria mit Australia und die süße Leckerei brauchte auf ihrem Weg rund um die Welt über drei Monate. Sie kam allerdings trotzdem irgendwie "rechtzeitig", denn tags darauf traf der absendende Lew himself auf seinem Trip durch Europa in Wien ein und feierte am nächsten Tag – Überraschung, Überraschung!!! – zufällig seinen 71. Geburtstag. Was lag also näher, als ihn und seine Band mit einer heimischen Torte zu verwöhnen und den noch anwesenden Fans mitternächtlich dieses süße Kunstwerk aus dem Süden dünnscheibchenweise zu servieren.

Eine Woche später trudelte Gitarrist Mundell Lowe ein, ebenso legendig wie selbst für einen Siebziger noch höchst lebendig – allerdings wurde er stramme Neunzig!!!. Sein Adlatus Mike Magnelli machte uns diskret auf den fälligen Geburtstag des stillen Giganten aufmerksam, und wir präsentierten ihm in der Pause eine prachtvolle Sacher-Torte von der "Aida" (als Musikbetrieb sind wir das dem Herrn Verdi schuldig) und Mundell und Mike teilten (allerdings ziemlich unwillig) das schokoladige Kunstwerk mit Karol Hodas und Walther Großrubatscher. Es schmeckte ihnen wirklich – was man daran erkennen konnte, daß Mike meinte, man solle diese Ehrung am nächsten Tag doch bitte wiederholen, denn der Mundell habe in seinem langen Leben noch niemals eine solche herrliche Kreation aus Konditorhand genossen........................ Eine sanfte Erpressung, der wir gerne nachkamen!

In den Tagen unmittelbar vor unserem Vierziger einen Einundsiebziger und einen Neunziger – wenn das kein grandioser Zufall ist.........

Aber ich kann noch steigern.........

Vor ungefähr einem halben Jahr bekam ich ein sensationelles e-mail!

Mein aus dem Sudetenland stammender Vater Edgar hat außer von seiner Mutter und deren Onkel Anton Dvorák niemals von Verwandten aus seiner alten Heimat erzählt. Und jetzt kam plötzlich eine Anfrage vom mir bis dato vollkommen unbekannten Ehepaar Kathrin & Rolf Melhardt, ob es denn möglich und denkbar sei, daß wir verwandt wären. Sie hatten nach "Melhardt" gegoogelt und stießen so auf Spuren nach Wien. Wir fanden bei ihrem Besuch heraus, daß in Ihrem Pedigree ein Johann Melhardt vorhanden ist und in meinem Stammbaum befindet sich ein Jan Melhardt – in der alten Monarchie herrschte Sprachengewirr und es lag an der Abstammung des Standesbeamten, ob er Eintragungen in Deutsch oder Tschechisch vornahm und Jan und Johann sind derselbe Vorname......

Höchstwahrscheinlich sind also Kathrin und Rolf und der Schreiber dieser Zeilen tatsächlich verwandt......

Und jetzt kommt wieder einmal König Zufall ins Spiel........

Friedrich Glatz – mein Großvater mütterlicherseits – lernte um 1900 im Großglocknergebiet eine junge Sächsin kennen und lieben, die aus der Gegend zwischen Leipzig und Dresden stammte. Nach der Wende unternahmen Tilly, Julius und ich einen Trip ins frisch geöffnete Ostdeutschland, um unsere dortige Verwandtschaft kennen zu lernen. Die großmütterlichen Familien Seyffert und Pirl hatten unter der Herrschaft von Hitler, Ulbricht und Co. einiges zu erleiden, aber die Wirren in Döbeln und Umgebung halbwegs unbeschadet überstanden – ein guter Teil der Familie lebt nun allerdings in Görlitz – einer Kleinstadt an der polnisch/deutschen Grenze, sehr hübsch, aber auch ziemlich entlegen und nicht sehr groß........

Kathrin & Rolf Melhardt leben in Königshain bei Görlitz..................

In einer 55.000-Einwohner Kleinstadt an der deutsch-polnischen Grenze leben also meine Verwandten aus der mütterlichen und väterlichen Linie, die sich vielleicht sogar gegenseitig kennen, ohne zu ahnen, daß sie eigentlich verwandt sind.........

Haben wir von absurden Zufällen gesprochen........?


© Axel Melhardt
Story