Story des Monats

Mai 2003

Classic meets Jazz

George Lewis, Dee Dee Pierce, Billie Pierce, Cie Frazier Willy Boskowsky
Preservation Hall Jazzband
George Lewis, Dee Dee Pierce, Billie Pierce, Cie Frazier
Willy Boskowsky

Es muß Mitte der 60-er Jahre gewesen sein - die "PRESERVATION HALL JAZZBAND" war bei Joachim Liebens "Stimmen der Welt" angekündigt, und das abendliche Konzert im "Großen Konzerthaus-Saal" war bald ausverkauft und man entschloß sich kurzfristig, ein zweites Konzert im "Mozart-Saal" einzuschieben.

Und es muß im Herbst gewesen sein, denn die Maschine aus Deutschland kommend kreiste lange über dem Flughafen, denn der Nebel lag - für die damaligen Radaraugen - undurchdringlich über Schwechat.

So wurden die Herren der Band - meiner Erinnerung nach Dee Dee Pierce, Louis Nelson, Chester Zardis und Cie Frazier - und die Dame - Billie Pierce - direkt von der Landung ins Konzerthaus gebracht, ohne sich vorher im Hotel "frisch" machen zu können.

Wer übrigens bei der obigen "Mannschaftsaufstellung" einen Klarinettisten vermißt und glaubt der Melhardt vergißt, der irrt. Der angekündigte und von uns so dringend erwartete George Lewis war erkrankt, und unser Duilio Tani von der "Original Storyville Jazzband" hatte die Ehre, den großen Meister in der zweiten Hälfte der Konzerte zu vertreten - und dies so großartig, daß man ihn am liebsten gleich mit auf Tournee genommen hätte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der "Mozart-Saal" war jedenfalls schon fast gefüllt, als die Band ankam - ohne jede weitere Verzögerung hetzt man die allesamt nicht mehr allzu jungen Musiker direkt auf die Bühne, und man legte los.

Ich war damals mit einigen Musikern und mit Duilio Tani - der verständlichermaßen ziemlich nervös war - in der Garderobe und beobachtete die grandios aufspielende Band durch ein kleines Fenster zur Bühne.

Plötzlich ging die Tür auf, und ein älterer Herr im Frack betrat den Raum, legte eine Aktentasche auf den Schminktisch und stellte sich dann neben mich, um ebenfalls der Band zu lauschen.

Wie gesagt - die Band war direkt von Schwechat auf die Bühne gegangen, Dee Dee Pierce etwa trug ein schwarzes T-Shirt mit einem Loch unter dem rechten Ärmel, aus dem fürwitzig weiße Haare herauslugten, aber auch die anderen Herren und sogar die herrliche Billie Pierce waren allesamt im schlichten "Räuberzivil", in dem man zwar im Flugzeug nicht besonders auffällt, das man aber auf einer Konzertbühne ansonsten nie erleben kann.

"Ja, so ist das eben", sagte der soignierte Herr im Frack kopfschüttelnd zu mir, "wenn unsereins auf die Bühne geht, da muß er sich - um beim Publikum anzukommen - in einen Frack zwängen und sich die Schuhe polieren. Die da draußen erreichen mit ihrer natürlichen Musikalität und ihrer ungezwungenen Ehrlichkeit die Herzen der Menschen auf direktem Wege - da braucht es keine Äußerlichkeiten. Ich bin froh und dankbar, daß ich ausnahmsweise so frühzeitig zu meinem Abendkonzert gekommen bin. Die da draußen spielen eine herrliche wunderbare Musik, die gleichwertig neben den großen Meistern von Mozart bis Mahler stehen sollte. Daß man den Jazz als "Unterhaltungsmusik" abqualifiziert, ist eine Schande."

Es tat mir sehr leid, daß ich mir das abendliche Kammermusik-Konzert des Konzertmeisters der Wiener Philharmoniker Willy Boskowsky, der nicht nur als begeisternder Dirigent des Wiener Neujahres-Konzerts ein Künstler von absuluter Weltklasse war, nicht anhören konnte, aber den Auftritt von Duilio mit den Giganten aus New Orleans wollte ich keinesfalls versäumen - aber ich werde die unendlich klugen Worte dieses großen klassischen Musikers nie vergessen.


© Axel Melhardt
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