Story des Monats

April 2005

DICK WELLSTOOD

Dick Wellstood Dick Wellstood
Dick Wellstood p ... und hier am Rad

Als der englische Agent ROBERT MASTERS mir in den 70-er Jahren erstmals den Pianisten DICK WELLSTOOD anbot, war er einigermaßen verblüfft, als ich sein "Verkaufsgespräch" nach wenigen Minuten mehr oder weniger rüde unterbrach. "Den DICK WELLSTOOD brauchst Du mir nicht einzureden, den Mann kenne ich seit Jahren, den liebe ich." (Es stellte sich heraus, daß ich der erste von ungefähr 30 Jazzclub-Besitzern in Europa war, die mit dem "Herrn Gutgestanden" etwas anfangen konnten - soweit ein Kommentar über die "Experten", die manchmal einen Jazzclub leiten als wäre dies ein "Geschäft" wie Obst- oder Gemüseverkauf).

Ich hatte die herrliche Platte von ihm mit seinen WALLERITES schon in den 60-er Jahren bei der legendären Mutti PLACHT in der Rotenturmstraße gekauft, und daß dieser traumhafte Pianist nun nach Wien kommen würde, erfüllte mich mit großer Freude.

Dick war dann noch viel besser, als ich erahnt hatte. Ein herrlicher Musiker, der mit seinen Stride-Soli alle zu Begeisterungsstürmen hinriß. Er spielte mit unseren Bands, den RED HOT PODS, der ORIGINAL STORYVILLE JAZZBAND und der BARRELHOUSE JAZZBAND, und auch immer wieder mit ALFONS WÜRZL in phantastischen Quartettbesetzungen.

Eines Tages fuhren wir durch Wien, und Dick entdeckte auf der Stoßstange des Vorderwagens die kryptische Inschrift:

Er beging den verhängnisvollen Fehler, mich nach dem Sinn des Stickers zu fragen, und eine herrliche Tragikomödie nahm ihren Anfang. DICK beschloß, das Wienerische zu erlernen, einige Brocken Deutsch konnte er ja schon, und so zog er mit einem Paket von FARKAS-QUALTINGER-MULIAR-BRONNER-WEHLE Kassetten wieder Richtung Heimat ab, um bei seinem nächsten Besuch uns enthusiastisch von seinen Fortschritten zu verkünden. Was er in den USA so als Wienerisch von sich gab, wurde von seinen Freunden auch als solches anerkannt. In unseren Ohren war es ein köstliches Mischmasch aus angelsächsisch gefärbtem Deutsch mit einem unbeschreiblichen Akzent, der dem QUALTINGER ungefähr so nahe kam wie der FALCO dem AMADEUS.

Aber unverdrossen übte er weiter, und wenn er nicht im Jahre 1987 unmittelbar vor einem Konzert im Alter von nur 59 Jahren in einem Lehnstuhl vor dem Fernsehapparat entschlafen wäre, so würde er sicherlich auch heute noch jedes Jahr nach Wien kommen, um sein Wienerisch an der Quelle zu studieren, und um uns vor allen Dingen von seinen Fortschritten zu überzeugen.


© Axel Melhardt
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