Story des Monats

März - April 2016


Kapitel 33 einer (möglichst) langen Serie .....
Axel Melhardt
Axel Melhardt plaudert:

 
Alfons Würzl & der Wilde Bill
 
Wild Bill Davison Wild Bill Davison, Barellhouse Jazzband Alfons Würzl
Wild Bill Davison co&voc LP-Cover aus 1975, v.l.n.r.:
Alfons Würzl cl, B.Grah p, B.Gottlieb b, E.Dworzak tp, Wild Bill Davison co, H.Bichler dm, L.Reichhold bjo, N.Vas tb
Alfons Würzl cl&ss&voc
 

Alfons Würzl lernte mich im Herbst des Jahres 1956 kennen, als wir beide im Gymnasium Kundmanngasse eine "Nachprüfung" ertragen mußten. Er in einem mir bis heute unbekannten Gegenstand (.... könnte Mathematik gewesen sein) und ich in "Zeichnen".... – ein Fach, in dem die Nachprüfungen so selten sein sollten wie es aufrichtige, ehrliche und intelligente Politiker auf unserem (noch) schönen Planeten gibt....

Aber – der Zeichenlehrer war auch Mathematiker und er konnte es sich wahrscheinlich nicht vorstellen, daß ein guter Rechner im Zeichnen ein absoluter Volltrottel sein kann – und das war ich damals und das hat sich bis heute nicht geändert, weil ich eben ein "umgelernter" Linkshänder bin. Im ausgehenden Hitler-Zeitalter war ein Linker nicht nur politisch etwas absolut Unanständiges – so wurde ich gnadenlos umerzogen und bin Zeit meines Lebens dazu verdammt, vieles mit der falschen Hand erledigen zu müssen.

Zurück zu Alfons – er war irgendwo bei dieser Nachprüfung anwesend und ich fiel ihm auf, weil ich – obwohl gute zwei Jahre jünger als er – überaus selbstbewußt (so sehe ich es) beziehungsweise überaus "goschert" (so sah er es damals) dem Herrn Professor die Stirne bot, der mich allen Ernstes durchfallen lassen wollte, weil ich keinen Baum vernünftig zeichnen konnte. Erst als der Direktor eindringlich mahnte: "Herr Kollege, haben Sie doch ein Einsehen, der Junge bemüht sich ja, aber er kann es halt nicht besser....." ließ man Gnade vor Recht ergehen und ich mußte keine Ehrenrunde wegen eines nicht zu erkennenden Baumes absolvieren.

Alfons hingegen fiel mir nicht auf, denn er benahm sich wie sich ein guter Schüler benehmen soll: er war unauffällig!

Daher lernte ich ihn erst einige Monate später kennen, als ich im "Hot Club de Vienne" in der Neulinggasse eine meiner allerersten Live-Session erlebte, in der mir natürlich der Klarinettist besonders auffiel (kein Wunder, denn damals drehte sich mein Jazzerleben primär um Benny Goodman, dessen filmische Story mich einige Monate vorher zum Jazz bekehrt hatte) – und da fiel mir Alfons Würzl erstmals auf, als er mich ansprach: "Bist Du nicht der kleine Frechdachs, der den depperten Professor Sowieso zur Weißglut getrieben hat?" – eine Statement, von dem ich bis heute nicht weiß, ob es als Kompliment oder als Kritik gemeint war....

In den Folgejahren entstand aus einer fast nicht existenten Schulkameradschaft und aus unzähligen Abenden in diversen Jazzclubs allmählich eine echte Freundschaft, die nun schon über Jahrzehnte andauert....

Wir konnten gemeinsam unzählige musikalische Sternstunden erleben – Alfons als Musiker und ich als Zuhörer und später als Veranstalter: das erste Aufeinandertreffen einer heimischen Chicago-Jazzband (unserer BARRELHOUSE) mit lebenden Legenden wie Max Kaminsky oder Bud Freeman, herrlichen Pianisten wie Dick Wellstood und Ralph Sutton und viele andere Sternstunden.

Einmal allerdings bangte ich um das Leben meines Freundes, als wir mit Wild Bill Davison nach Burghausen reisten und Alfons auf der Anreise ein kleines Nickerchen machte....

Als er nämlich friedlich schlummerte erzählte der Wilde Bill von diversen Erfahrungen mit Sopransaxophonisten – er ließ nur den unvergleichlichen Sidney Bechet gelten (der war für ihn – und auch die restliche Jazzwelt – der Allergrößte), aber all die anderen die dieses Instrument verwendeten, waren die natürlichen Todfeinde des Wilden Bill, der meinte: "I would like to kill them all....!"

Wir kamen ziemlich spät im bayrischen Grenzstädtchen an – das damals begann, sich zu einer Jazzgroßstadt zu entwickeln – und während Alfons sich noch den Schlaf aus den Augen rieb, eilte die Band auf die Bühne und begann zu swingen.

Ich saß vergnügt mit einem Bier in der Hand im Publikum und während Bill die nächste Nummer ansagte – "Summertime" – fiel ich fast in Ohnmacht, denn der Alfons packte stillvergnügt sein Sopran aus....

Die aufwallende Panik beruhigte ich mit der Hoffnung, daß der Bill – obwohl Amerikaner – ohne Schußwaffe auf der Bühne war und ich beobachtete seine steinerne Miene mit der er den selig vor sich hin improvisierenden Alfons betrachtete....

Aber – mit jedem Ton aus der silbernen Röhre wurde die Miene des Veteranen freundlicher und als Alfons sein Solo beendete grinste Bill schon von einem Ohr bis zum anderen....

Nach dem Konzert wunderte sich Alfons, wieso er von Wild Bill fast überschwenglich gelobt wurde, worauf ich ihn an die bösen Worte erinnerte, die der wilde Bill auf der Fahrt über alle "Sopranisten" (außer Bechet) gefunden hatte.

"Da muß ich geschlafen haben", meinte Alfons....

"Gut so", antwortete ich, "denn sonst hättest Du Dich nicht einmal getraut Dein Horn auszupacken...."

"Damit kannst Du recht haben....."

Es war ein herrliches Konzert, damals in Burghausen, und es sollten noch viele folgen. Die Barrelhouse und der Wilde Bill wuchsen zu einer unverkennbaren Einheit zusammen und der Alfons brillierte auf seiner Klarinette und der Meister am Kornett schenkte sich seine schelen Blicke auf das ansonsten ungeliebte Sopransaxophon – der Bechet und der Würzl fanden Gnade vor den gestrengen Ohren des Meisters aller Klassen....

Schön; daß wir ihn kennenlernen – und vielleicht sogar ein ganz bißchen lieb gewinnen durften...... den schrulligen, brummigen, liebenswerten, alten, wilden Mann....


© Axel Melhardt
Story