Story des Monats

März - April 2015


Kapitel 30 einer (möglichst) langen Serie .....
Axel Melhardt
Axel Melhardt plaudert:

Im Laufe der nun schon rund 43-jährigen "Karriere" als Motor des JAZZLAND – und auch schon vorher als Jazzclub- und Konzert-Besucher – machte ich die Feststellung, daß man unter den Jazzern eine unverhältnismäßig hohe Anzahl an stark sehbehinderten und vollkommen blinden Musikern antrifft. Kein Wunder, wie mir später klar wurde, denn die Musik ist ein verhältnismäßig leicht zu erlernender Beruf für Menschen mit diesem Handikap. Ich traf also auf ziemlich viele
 
"Blind People"
 
Blind John Davis Herman Foster Benny Waters
Blind John Davis p & voc Herman Foster p Benny Waters cl & as & ts & voc, 1997
 

Den ersten blinden Musiker lernte ich irgendwann in den späten 50-er Jahren kennen – der unermüdliche Johnny Parth präsentierte den staunenden Jazz- und Blues-Fans im "Hot Club de Vienne" einen Wiener Volksmusiker namens Blind Pepi Rottensteiner, der wenn ich mich recht erinnere auf einer Kontra-Gitarre wienerische Lieder sang. Ob er sich dann auch noch als Bluesler versuchte, weiß ich heute nicht mehr – ich kann mich nur noch erinnern, daß es einigermaßen beschwerlich war, den übergewichtigen und innerlich ziemlich beleuchteten Herren über die steile Treppe zu wuchten, was überraschenderweise unfallfrei gelang....

Der erste blinde Mensch, den ich wirklich näher kennenlernte war der mit weißen Pigmentflecken übersäte Pianist Blind John Davis, der während mehrerer Wien-Gastspiele zu einem echten Freund wurde. Er ist schon mehrfach in den "Stories des Monats" ¹) aufgetaucht und einen Hinweis auf ihn, und das JAZZLAND und seinen Klavierkollegen Art Hodes findet man sogar in der (von mir sehr geschätzten) Wikipedia – unter TRIVIA bei beiden Musikern....

John erblindete mit ungefähr zehn Jahren – er meinte, das sei die "Black Plague" gewesen (eine Krankheit, die unsere Dottores nicht zuordnen konnten). Ich vermute, daß der damals massenhaft illegal gebrannte Fusel schuld war, den sich der junge Mann in der Kneipe seines Vaters zu Gemüte geführt hat. Dieses Lokal bestimmte auch seinen weiteren Lebensweg: ob aus Langeweile oder aus musikalischem Interesse fing der extrem sehschwache oder schon richtig erblindete Bube an, auf dem (sicherlich verstimmten – wette ich) Klavier zu klimpern, um nach kurzer Zeit einen festen Job als allabendlicher Entertainer zu haben. In den kommenden Jahren entwickelte er sich zu einem der gesuchtesten Begleiter der diversen Bluesgrößen – von Memphis Minnie bis zum legendären Cousin Joe (über den es demnächst eine eigene Geschichte geben wird).

John hatte also aus seiner frühen Kindheit her einen Eindruck vom Sehen, und er konnte sich sicher an Bilder aus der damaligen Zeit erinnern, das half ihm über sein Handikap hinweg, und er konnte (halbwegs) selbständig agieren. Er konnte seine Koffer alleine ein- und auspacken, aber er mußte natürlich nachfragen, ob die Krawatte zu seinem Sakko passend war, und er erkundigte sich nach dem Lichtschalter und wie er an- und abgeschaltet werden konnte, denn er drehte selbstverständlich für seine Besucher das Licht an – auch wenn es 12 Uhr Mittag bei hellem Sonnenschein war....

Eines Tages fragte er uns nach der österreichischen Währung, und er wollte Münzen und Banknoten fühlen und als wir ihm einige Schillingscheine in die Hand gaben, und ihm den Wert in Dollar umrechneten, fing er an zu weinen....

Wie genial waren doch die Österreicher, meinte er, den Banknoten verschiedene Größen zu geben....

In den USA war er mehrfach betrogen worden: betrügerische Clubbesitzer drückten ihm 10 Singles in die Hand und sagten ihm, er hätte 100 Dollar bekommen.....

Das wäre ihnen bei Herman Foster nicht geglückt:

Herman war von Geburt an vollkommen blind – die (wahrscheinlich ungelernte) Hebamme machte bei der komplizierten Geburt einen fatalen Fehler mit der Zange und der kleine Herman kam ohne Augäpfel auf die Welt....

Er war perfekt an die Welt der Sehenden adaptiert – er brauchte (fast) keine Hilfe, fand sich nach Minuten im fremden Hotelzimmer vollkommen zurecht und suchte selbständig (vielleicht mit seinem feinen Geruchssinn) den Weg zum Frühstückszimmer in fast jedem Hotel.

Und er konnte (die formatgleichen) Dollarscheine unterscheiden – ich erzählte ihm von Blind Johns obenerwähnten Mißgeschick und er demonstrierte mir breit grinsend seine Fähigkeit, die US-$ zu unterscheiden. Zuerst vermutete ich einen Trick, aber auch als ich die Noten anders ordnete und ausführlich "mischte" konnte er fehlerlos die Singles, Fivers und Tenners unterscheiden.

Herman war – in vielerlei Hinsicht – der Umwelt perfekt angepaßt.

Was man vom Dritten im Bunde dieser Geschichte nicht sagen kann: der legendäre Benny Waters (der schon der Star einer eigenen Story des Monats²) war) erblindete nach einer Star-Operation im hohen Alter von fast 90 Jahren. Er hatte – wegen seines überquellenden Konzertkalenders – den Eingriff immer vor sich her geschoben, denn er wußte - nach der eindringlichen Mahnung des Operateurs - , daß er für mindestens zwei Monate keine Konzertbühne würde betreten können.

Dann war es endlich soweit – der Eingriff verlief trotz des biblischen Alters des Patienten perfekt, und Benny versprach hoch und heilig, er würde eine zweimonatige Konzertpause penibel einhalten. Er ging einen Tag später nach Hause und setzte sich in seinen Proberaum...... - um zu üben.

Damit war die Katastrophe perfekt – die Netzhaut hielt dem Druck, der durch das Anblasen der Luft im Instrument unweigerlich entsteht, nicht aus und löste sich ab.

Das war mehr oder weniger das Ende der erstaunlichen Karriere des Benny Waters, der fast acht Jahrzehnte lang untrennbar mit der Geschichte des Jazz verbunden war.

Als alter, blinder und hilfloser Greis saß das Temperamentsbündel einsam und verlassen in seinem Hotelzimmer – während der Manager, der mit der Vermarktung des alten Mannes mehr als nur gut verdiente, es sich gut gehen ließ. Am Abend zerrte er dann den schon verwirrten Benny auf die Bühne, wo er als trauriger Schatten seiner selbst agierte....

Ich hoffe, daß diejenigen JAZZLAND-Besucher, die den Benny bei seinem letzten Gastspiel bei uns miterlebt haben, auch in den 70-ern den energiesprühenden Saxophonisten gesehen haben – denn das war nicht der Benny Waters, den seine Kollegen neiderfüllt und respektvoll zugleich "Mister Rapido" nannten....

¹) 'Blind John Davis + Art Hodes' - Story des Monats Juni/Juli 2000
²) 'Benny Waters' - Story des Monats März 2003


© Axel Melhardt
Story