Story des Monats

März - April 2011


Kapitel 7 einer (möglichst) langen Serie .....
Axel Melhardt
Axel Melhardt plaudert:

 
Weltgeschehen
 

Zweimal - einmal ganz sicher und einmal "vielleicht" - hatte das JAZZLAND seine Finger am Weltgeschehen.

Das "Vielleicht" ereignete sich im Jahre 1977.

Teddy Wilson spielte bei uns, alles war hektisch, überfüllt, herrlich und aufregend. Meine Tilly saß damals wie fast immer an der Kassa und während des noch frühen Abends kam ein uns bestens bekannter amerikanischer Diplomat, den wir als weitgereisten Jazzfan und eher mäßigen Trompeter kannten, und deponierte bei ihr einen ziemlich großformatigen rechteckigen Aktenkoffer aus schwarzem, sehr teuer aussehendem Leder. Er verschwand in der Menge, und Tilly verlor ihn natürlich sofort aus den Augen.

Wie gesagt, alles war hektisch, ich war irgendwo im Trubel untergetaucht, versorgte den lieben Teddy Wilson mit Unmengen von eisigem Mineralwasser und umsorgte die zitternden Nervenspitzen der hochgradig nervösen Wiener Musiker und war dementsprechend für meine Holde nicht greifbar.

Knappe 15 Minuten nach dem Beauftragten der US-Regierung kamen drei unauffällig gekleidete Herren in den Keller, standen kurz beim Eingang, blickten in Richtung Bühne, bezahlten dann ohne zu meckern den Eintritt und baten die Tilly in korrektem, aber akzentgetränktem Deutsch, bei ihr doch einen Aktenkoffer hinterlegen zu dürfen, denn im Lokal sei es zu voll, um ihn mitnehmen zu können. Tilly - freundlich wie sie ist - stellte den großformatigen rechteckigen Aktenkoffer aus schwarzem, sehr teuer aussehenden Leder unter die "Budel" und vergaß sofort die Angelegenheit, denn Teddy Wilson spielte gerade mit seiner Wiener Band *) ein herrliches "How High is the Moon".

Wieder einige Minuten später - und wenn ich hier jetzt sage, die Band spielte gerade "How Deep is the Ocean" dann wäre dies gelogen - kämpfte sich der uns wohlbekannte Amerikaner wieder aus dem Gewühl heraus, grinste die Tilly bedauernd an und erklärte, so leid es ihm tue, er müsse schon wieder gehen, schnappte sich einen großformatigen rechteckigen Aktenkoffer aus schwarzem, sehr teuer aussehenden Leder und verließ den Keller.

Selbstverständlich hatte die Tilly alle Hände voll zu tun - sie mußte die nachkommenden Gäste auf den nächsten Tag vertrösten (denn nicht einmal mit einem Schuhlöffel kam man noch in die geheiligten Hallen) und wollte so ganz zwischendurch auch ein wenig von dem musikalischen Geschehen auf der winzigen Bühne miterleben. So bemerkte sie nur aus den Augenwinkeln die drei fremden Herren mit ihren eher altmodisch und trotzdem eher billig aussehenden Anzügen, die - akzentreich und freundlich grüßend - das Lokal verließen, nachdem sie ihren großformatigen rechteckigen Aktenkoffer aus schwarzem, sehr teuer aussehenden Leder aus dem Depot geholt hatten.

Erst als wir gegen 4 Uhr morgens wieder bei uns zu Hause einer Teddy Wilson-LP lauschten, um den Abend etwas friedlicher ausklingen zu lassen, sagte Tilly zu mir: "Komisch, wenn ich zurückdenke, dann haben die beiden großformatigen rechteckigen Aktenkoffer aus schwarzem, sehr teuer aussehenden Leder vollkommen ident ausgesehen."

Das kann "Weltgeschehen" gewesen sein - oder auch nur ein banaler Zufall. Ganz sicher war das JAZZLAND aber nach der "Kuwait-Krise" ein winzig kleiner "Neben"-Nabelpunkt der Weltgeschichte.

Das kam so:

Die amerikanische Botschaft rief an, ob wir in sehr naher Zukunft einen Abend für eine Privat-Party organisieren könnten. Ich blickte auf den Kalender, kein Problem.

Es würden zirka 60 Leute kommen, ich sollte nur dafür sorgen, daß ausreichend Whisky-Gläser und Wodka-Stamperln vorrätig seien.

Nein - kein Buffet und auch kein Imbiss.

Nein - die Getränke würden ebenfalls geliefert werden.

Ja - wir würden noch rechtzeitig über die Modalitäten aufgeklärt werden.

Dann - Funkstille!

Endlich kamen schließlich die Vorbereitungen wieder in Gang - in einigen sehr promillereich aussehenden Kisten wurde Whisky und Wodka angeliefert und in fast schon prestigeträchtig zu nennenden Schachteln kamen sehr teuer aussehende Sandwiches - fein säuberlich getrennt in Kaviar/Lachs-Kombinationen und Roastbeef/Coleslaw Kompositionen.....

Nach und nach wurde der Hintergrund dieser diplomatischen Initiative erkennbar:

Die USA intervenierten damals mit ihren Truppen in Kuwait und schmissen den Jahre später nach einem endgültigen Einmarsch im Irak hingerichteten Herrn Hussein aus dem Emirat hinaus, was die (damalige) zweite Supermacht - die Herren in Moskau - mit öffentlichem Säbelrasseln und innerer Zustimmung aufmerksam verfolgten.

Irgendwer muß damals auf die Idee gekommen sein, eine Art "Versöhnungsparty" zwischen den offiziell verfeindeten Supermächten auf Wiener Boden zu organisieren und irgendwer erfand das JAZZLAND als neutralen Boden.

Botschaftsangehörige sollten sich bei uns waffenlos und ohne böse Hintergedanken bei swingenden Klängen treffen, die Amis Wodka und Kaviar und die Russen Whisky und Roastbeef zu sich nehmen, miteinander zwanglos plaudern und gemeinsam die Feststellung treffen, daß es besser sei, miteinander auf einen veritablen Kater zuzusteuern anstatt sich gegenseitig zu beschießen.

Doch die Idee ging auf grandiose Weise in die Hosen.

Das JAZZLAND war halbwegs gefüllt, aber die Russen standen in einer Lokalhälfte (links) und die Herren aus Amerika in der anderen (rechts). Man trank auf beiden Seiten auffallend mäßig und den Großteil der Brötchen (die nebenbei gesagt ausgezeichnet waren) brachten wir am nächsten Tag in die Klosterausspeisung in der Kaiserstraße. Die Blicke, die zwischen den unteren Chargen der Botschaften hin und her wanderten, blieben vorsichtig und mißtrauisch und die einzigen Diplomaten, die angeregt und freundlich miteinander plauderten waren die Herren Botschafter höchstpersönlich.

So sehr sie sich auch bemühten - das allgemein fast greifbar zu spürende Eis war nicht zum Schmelzen zu bringen und der Versuch die beiden Welthälften einander ausgerechnet im JAZZLAND ein wenig anzunähern war schmählich gescheitert........

Und die Moral von der Geschichte - oftmals hat man im "Ersten Stock" der Weltpolitik schon längst Frieden geschlossen, während zu "Ebener Erde" noch immer Haß und Mißtrauen regieren.

Aber das hat ja schon ein gewisser Herr Nestroy in abgewandelter Form vor langer Zeit erkannt.....


*) ... in der hörten wir Bill Grah vibes, Alfons Würzl cl, Gerd Bienert g, Walter Strohmaier b und Walter Schiefer dm (> Foto)


© Axel Melhardt
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