Story des Monats

Jänner - Februar 2015


Kapitel 29 einer (möglichst) langen Serie .....
Axel Melhardt
Axel Melhardt plaudert:

Ein Jazzclub, der über 40 Jahre lang besteht, ruft natürlich auch Kontroversen hervor. Eines der ersten und leider bis in alle Ewigkeiten unlösbares Problem waren die Nachrufe für verstorbene Musiker und Freunde im Lokal selbst und der dazugehörigen Publikation – der JAZZLAND POST. Wenn das JAZZLAND sich in irgendeiner Form von einem Verstorbenen gebührend verabschiedete, erweckte das die Erwartung, daß auch ein anderer Jazzer (den man vielleicht gar nicht besonders gut kannte) in ähnlicher Form gewürdigt werden würde. So entschlossen wir uns schon in den 70-er Jahren dazu, keine Nachrufe in der JLP oder als Aushang in unserem Keller vorzunehmen. Dabei soll es auch bleiben, selbst wenn die folgenden Zeilen einem der treuesten JAZZLAND-Musiker gewidmet sind:
 
Jim Galloway
 
Jim Galloway BP Dr. Heinz Fischer, Jim Galloway Jim Galloway, Anne Stewart-Page
Jim Galloway im April 2010... .... und im Okt. 2010 im Gespräch mit Bundespräsident Dr. Heinz Fischer
(anlässlich des 50-Jahre-Jubiläums der Barrelhouse Jazzband)
Hochzeit mit Anne Stewart-Page, 22.10.2013
 

Tilly und ich lernten den schottischen Kanadier 1975 in Nizza kennen – oder besser gesagt: wir wurden in diesem Jahre zum ersten Male auf ihn aufmerksam. Wir wunderten uns ausführlich, daß ein uns bis dato vollkommen unbekannter, ziemlich junger Sopransaxophonist als Bandleader einer veritablen All-Star-Band fungierte – und zwar nicht nur dem Namen nach, sondern auch "de facto" – denn Granden wie der Trompeter Buck Clayton, Tenorsaxophonist Buddy Tate und sogar der legendäre Pianist Jay McShann reagierten promptest auf die teilweise nur durch einen Blick übermittelten Anweisungen ihres wesentlich jüngeren Chefs, und die Band – wer damals an Bass und Drums werkte weiß ich leider nicht mehr, aber es können durchaus ebenfalls gestandene Kapazunder gewesen sein – erregte in dem von Stars dichtbevölkerten Festival-Programm einiges Aufsehen.

Zwei Jahre später (das JAZZLAND hatte damals das für einen Jazzclub in Wien schon bemerkenswerte Alter von fünf Jahren erreicht) rief Robert Masters aus London an – ein vielseitig interessierter Musik-Agent, der einen kleinen Bruchteil eines Prozents der Beatles besaß, davon prächtig lebte und als Hobby Jazzer durch die Jazzwelt pilotierte. Er könne mir wie ausgemacht Buddy Tate schicken, allerdings wär der ts-Gigant schon zu wackelig auf den Beinen, um ihn alleine reisen zu lassen – er müsse mir als "Roadie" einen jungen Mann mitschicken, für den ich nur das Hotel berappen müsse – einen gewissen Jim Galloway, den ich gewiß nicht kennen würde....

Aber ich kannte ihn – nur war zum Zeitpunkt des obigen Telefonats die JLP schon im Druck, sodaß der allererste Auftritt von einem noch langhaarigen Jim in seinem späteren Stammlokal unangekündigt stattfand – der einzige "Beleg" für das Ereignis ist ein Simbriger-Foto, das im Hauptraum rechts neben dem Durchgang in die Bar zu sehen ist....

Bei seinen ersten Besuchen am Franz-Josefs-Kai setzte ich Jim mit swingenden und sogar eher modernen Kollegen ein – er jazzte mit dem grandiosen und so früh verstorbenen amerikanischen Pianisten-As Frank Mantooth, mit der Printers Jazz Band und Fritz Pauer und Jim paßte sich mit seiner großartigen Vielseitigkeit und seinem perfekten Einfühlungsvermögen an jeden Kollegen an.

Warum weiß ich nicht mehr – aber irgendwann in den ganz frühen 80-er Jahren fuhr ich mit Jim auf dem Weg ins JAZZLAND an Gerhard Wesselys Soundborn-Tonstudio vorbei, das ich meinem Gast zeigen wollte. Der Zufall wollte es, daß ausgerechnet die Red Hot Pods gerade inmitten einer Aufnahmesession waren. Es dauerte keine 5 Minuten und Jim hatte seinen Platz in der Frontline gefunden, ein Mikro war installiert und der (vermutete) Swing & Modern-Jazzer saß inmitten der eingefleischten Traditionalisten und entlockte seinem Sopransaxophon ungeahnte Klänge....

Das war symptomatisch für Jim Galloway – er spielte (bevorzugt) ein Instrument, das weltweit vom Genie Sidney Bechets überstrahlt wird. Und obwohl er dessen Spielweise und die vibrato-reiche Tongebung des Wahlfranzosen schätzte verstand er es, seinen persönlichen Stil von diesem ansonsten alles beherrschenden Einfluß frei zu halten. Wahrscheinlich unterbewußt fand er (ohne es zu suchen) ein anderes Idol: "Er spielt so wie Johnny Hodges Sopransaxophon gespielt hätte – wenn er sich damit ausführlicher beschäftigt hätte", meinte Kenny Davern, als ich mit ihm über Jim sprach – der damit genau das sagte, was ich mir immer schon gedacht hatte, ohne es formulieren zu können. Etwa so, wie in den 20-er Jahren Earl Hines eine neue Spielart am Piano entwickelte, als er mit Louis Armstrong arbeitete und unbewußt (oder bewußt?) dessen Trompetensoli auf das Klavier übertrug.

Aus diesem zufälligen Zusammentreffen zwischen den Pods und Jim entstand eine jahrzehntelange Freundschaft – Jim lud die Band zu einem Gastspiel bei dem von ihm organisierten Toronto-Jazz-Festival ein, das sich wie von selbst zu einer Canada-Tournee (Quebec, Toronto, Edmonton, Calgary, Saskatoon, Victoria) erweiterte und verschaffte der Band eine Einladung zum größten traditionellen Jazz-Festival der Welt nach Sacramento, Kalifornien, wo wir erstaunt feststellten, daß das Niveau der amerikanischen Profis natürlich in schwindelerregender Höhe angesiedelt ist, die dortigen Amateure aber auch nur mit Wasser kochen....

Jims Bindung zu Wien wurde immer intensiver – nicht nur daß er jahrzehntelang zumindest einmal jährlich versuchte, im JAZZLAND zu gastieren, um hier mit so ziemlich allen lokalen Jazzern im stilistischen Bereich von den Anfängen unserer Musik bis zum frühen Modern-Jazz zu jammen, so kam er auch mit seiner neuen Liebe – der ebenso reizenden wie resoluten Anne Stewart-Page – nach Wien, um ihr die Stadt zu zeigen und schließlich um sie hier zu ehelichen, was 2013 unter der lebhaften Anteilnahme von rund 50 Gästen aus aller Herren Länder (von Neuseeland bis Indien, Brasilien bis Norwegen) über die Bühne ging.

Doch den beiden war kein längeres Glück beschieden. Wirkte Jim – der zwar durchaus sportlich (lange Wanderungen) aber keineswegs asketisch (lange Sitzungen bei feinstem Whisky) war – bis vor drei/vier Jahren wie ein Mit-Fünfziger, verfiel er zuletzt erschreckend. Bei seinen beiden letzen Wien-Gastspielen war er ein schwacher Schatten seiner selbst und am 30.12.2014 schlief er schließlich ein – auf den Tag genau 13 Jahre nach seinem oftmaligen Partner am Piano Ralph Sutton.

Zum Schluß dieser doch etwas wehmütigen Betrachtungen vielleicht noch eine kleine sehr typische Anekdote über Jim und einen zweiten sehr großen Freund des JAZZLAND, den herrlichen Saxophonisten Eddie "Lockjaw" Davis:

Irgendwann in den frühen 80-er Jahren lud Jim den in Toronto gastierenden Eddie in seine "live" ausgestrahlte Radio-Show ein und schleppte – wie es damals noch üblich war – einen kleinen Koffer mit zu spielenden LPs in das Studio. Eddie kam sofort auf seine bevorstehende Reise nach Europa zu sprechen, die ihn auch nach Wien ins JAZZLAND bringen würde. Jim seinerseits war soeben aus Wien nach Kanada zurück gekehrt und die beiden plauderten nun vollkommen auf das vorgesehene Musikprogramm vergessend eine halbe Stunde über das JAZZLAND, und über die Musiker in der "City of waltzes and stomps" (copyright Jaws) und stellten fest, daß sie trotz aller stilistischen Unterschiede eine ganze Reihe gemeinsamer Jazzerkollegen in Wien hatten.

Als Jim sich endlich darauf besann, endlich doch eine Musiknummer aufzulegen meinte der für die Sendung verantwortliche Regisseur: "Sorry - die Zeit ist abgelaufen – aber ihr habt so herrlich geplaudert, daß ich Euch nicht unterbrechen wollte....".


© Axel Melhardt
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