Story des Monats

Jänner - Februar 2012


Kapitel 12 einer (möglichst) langen Serie .....
Axel Melhardt
Axel Melhardt plaudert:

 
Der Unbekannte mit der Trompete
& andere Ungeheuer
 

Wie überall gibt es auch unter den Einsteigern "positive" und "negative" Exemplare.

Das willkommene Exemplar ist ein Spitzenmusiker, der nach einem triumphalen Konzert – wo er häufig (als Solist oder auch als Begleiter) ihm selbst wohl bekannte und viel geprobte Musik vor einem begeisterten Publikum zelebrierte – in den Keller kommt, um noch eine Kleinigkeit zu essen und das eine oder auch mehrere andere Gläser zu trinken. Er hört da eine exzellente Band, die er noch nicht kennt, wird von dieser erkannt und auf die Bühne gebeten, die er nach vornehmen Zögern und dringendem Drängen der engagierten Musiker unter dem tosenden Applaus des fachkundigen Publikums betritt, um dort dasselbe mit einer Serie von fulminanten Soli zu begeistern.

Sessions im JAZZLAND sind leider rar geworden – die Terminkalender der Tourneen sind so voll gepackt, daß zwischen Auftritten und Reisen kaum Zeit bleibt, einen Club zu besuchen und so Kontakte zu knüpfen.

Eine seltene Ausnahme bildete das Konzert des herrlichen Saxophonisten Pee Wee Ellis mit dem Fritz Pauer Trio am 7.7.2011, denn zwei ausgewachsene Stars der Truppe des Pop-Giganten SANTANA pilgerten in den ihnen bis dahin unbekannten Keller, um ihren alten Freund zu besuchen – Keyboarder Dave Mathews und Drummer Dennis Chambers (aus der Sicht der Jazzfans – der absolute Star der Band) fühlten sich ohren- und augenscheinlich sehr wohl in dem alten Gewölbe.

Dennis Chambers Pee Wee Ellis - Session Diknu Schneeberger, Gismo Graf, Zipflo Weinrich, Buko Weinrich, Karl Sayer
07.07.2011 - Pee Wee Ellis Session:
Dennis Chambers dm
07.07.2011 - Pee Wee Ellis Session:
v.l.n.r.: Johannes Strasser b, Fritz Pauer p, Dave Mathews keyb&p, Pee Wee Ellis ts, Joris Dudli dm, Dennis Chambers perc&dm
12.7.2011: Diknu Schneeberger, Gismo Graf, Buko Weinrich g; Joschi Weinrich viol, hi.: Karl Sayer b

Dennis – Co-Star bei Meister-Jazzern wie John McLaughlin, John Scofield, Mike Stern und den Brecker-Brothers – geht der Ruf voraus absolut niemals und nirgends "einzusteigen". Er fühlte sich allerdings durch die Hausband & Meister Pee Wee extrem motiviert und am "Drumhouse"-Set von Joris Dudli sofort wie zu Hause und brachte Band und Publikum zum Kochen.

Dave war nach seinem Gastspiel auf unserem Bösendorfer von dem prächtigen Instrument und der Atmosphäre im 'landl so beeindruckt, daß er uns noch in der Nacht folgendes mail schickte:

"It was wonderful to play with one of my teachers and mentors at your amazing, historic club. What a great place! You are a consummate host, and I look forward to trying the schnitzel the next time.......You have my email now, and I'd love to do a Monday night sometime I'm in town.
Thanks for keeping a home for Jazz.........
Best wishes, David K. Mathews"
 
Es war wundervoll mit einem meiner Lehrer und Idol in Deinem erstaunlichen und ehrwürdigen Club zu spielen. Was für ein herrlicher Ort! Du bist ein perfekter Gastgeber und ich freue mich darauf, beim nächsten Mal ein Schnitzel ausprobieren zu können..... Du hast jetzt meine e-Adresse, und ich würde sehr gerne an einem Montag bei Dir gastieren, wenn ich wieder einmal in der Stadt bin .....
Danke, daß Du dem Jazz eine Heimstätte erhältst ....
Alles Gute, David K. Mathews

... und natürlich ein Dankeschön an den Großen SANTANA, der zwei so nette Burschen und großartige Jazzer nach Wien brachte . . .

P.S.: .....und sollten Sessions doch vielleicht wieder "in Mode" kommen?

Keine Woche nach dem oben geschilderten Ereignis:

Am ersten Tage des Zipflo Weinrich-Gastspiels (12.7.2011) mit den beiden Grafen (der junge Gismo und sein unwesentlich älterer Vater Joschi Graf) kam Diknu Schneeberger, der junge Gitarren-Heros der Wiener Szene, im 'landl vorbei und nach seinen obligaten Schinkenfleckerln und sehr kurzer Überredungszeit ersetzte er in der Dreier-g-Riege den "greisen" Altgrafen und nahm neben seinem (fast) gleichaltrigen Freund Gismo Platz.

Das "Duell", das sich die beiden Jungspunde lieferten, begeisterte gleichermaßen Musikerkollegen, Beleg- und Zuhörerschaft – und der Pianist Fritz Pauer (als Gast) litt sichtlich darunter, daß unser "Bösendorfer" ausnahmsweise einmal fest eingepackt unbeachtet am Rande der Bühne vor sich hinvegetierte .....

So weit so gut – und erfreulicherweise hundertfach erlebt (von Wynton Marsalis und John McLaughlin zu George Benson und Roy Eldridge).

Am anderen Ende der Skala steht ein mir bei dato unbekannter Trompeter, der vor einigen Tagen knapp nach 23.00 h das JAZZLAND betrat, nach dem Verantwortlichen suchte (also nach mir) und mit einer schwer verständlichen Mischung aus Deutsch, Englisch und anderem verlangte, daß ich dafür sorgen sollte, daß er sofort und gleich zur Bühne geleitet werde, um dort mit den anwesenden Musikern (die er allesamt nicht persönlich kannte) jammen zu können.

Ich war unverständlicherweise nicht bereit, die Herren Benny Golson ts, Fritz Pauer p, Johannes Strasser b und Joris Dudli dm in ihrem Spiel zu unterbrechen, worauf sich der beleibte und durch diese Aktion nicht gerade beliebte "Gast" im Eingangsbereich aufpflanzte und dort mit ausgestreckten Händen den auf dem Podium tätigen Musikern sein wohlgeputztes und dadurch auch schillerndes Instrument entgegenstreckte, um sie dadurch auf sich und seine (noch verborgenen) Talente aufmerksam zu machen.

So ging es eine Stunde weiter – die Band hörte nicht auf zu spielen (wofür das Publikum dankbar war), der Trompeter hört nicht auf herum zu hüpfen und sein Instrument in der Gegend zu recken und in mir kämpfte die Gastfreundschaft auch einem Unbekannten gegenüber mit der Solidarität, die ich den Künstlern auf dem Podium schuldig war.

Nach Ende des Sets stürmte der Trompeter auf Benny zu, der sich müde vom langen Auftritt und noch mehr genervt durch die Hampeleien des mehr als rundlichen Gummiballs auf zwei Beinen mit dem Horn in der Hand an der Bar niederließ, um vom ihm ultimativ zu verlangen, auf die Bühne zurück zu kehren, um jetzt nun doch endlich mit ihm zu jammen..... – was Benny mit einem mehr als verständlichen und ebenso grantigen "No!!!!" beantwortete.

So werden wir wohl nie erfahren, ob der Mann etwas konnte oder nicht – und das ist wahrscheinlich gut so.

P.S.: Ich hatte zwar einen Fotoapparat dabei, aber irgendwie habe ich mich nicht getraut, den Onkel abzulichten. Ich wollte ihn auf keinen Fall provozieren, denn er hatte mindestens 130 kg..... und das auf knappe 1 Meter 60.... höchstens....!


Eine ähnlich skurrile Story ereignete sich in den 90-er Jahren.

Im JAZZLAND gastierte das ART FARMER QUINTETT in voller Mannschaftsstärke und ein Anruf kündigte "hohen Besuch" für den Abend an – der in den Staaten ungeheuer populäre Crooner PERCY SLEDGE würde uns am Abend die Ehre geben.

"Okay", meinte Art, "er wird schon einen Standard oder zumindest einen Blues singen können!"

Er konnte nicht.

Mister Sledge schluckte gierig das eine oder dritte Glas und eilte dann schnurstracks auf die Bühne und griff ohne aufgefordert zu werden zum Mikro und sagte voll der Überzeugung, daß weltweit jeder Musiker seinen ÜberDrüberMillionenHit kennen mußte, über seine Schulter zum verblüfften Art Farmer:

"When a man loves a woman!"

Jetzt konnte Art nicht.

Fritz rettete die Situation. Irgendwo in den hintersten Regionen seiner Ganglien hatte er die Harmonien abgespeichert – wahrscheinlich in einem Ordner "absolut Unbrauchbar" aber jetzt brauchte er die Changes und irgendwie brachte man das ziemlich schauderhafte Lied hinter sich.

Sogar Mister Sledge merkte, daß er auf dieser Bühne nicht gerade mit Ruhm überschüttet würde und zog sich gerade noch würdevoll an die Bar zurück um sich dort mit Rum zu trösten.

Dieser Session-Versuch endete also mit einem halben Happy-End und der Erkenntnis, daß nicht alle Musikformen miteinander kompatibel sind.

....... und manchmal wache ich mitten in der Nacht mit einem entsetzlichen Albtraum in zwei Versionen auf – Sidney Bechet steigt bei Peter Brötzmann ein und Cecil Taylor versucht Bessie Smith zu begleiten ..... – und deswegen sind Sessions im JAZZLAND eine Rarität – und werden es auch bleiben .....


© Axel Melhardt
Story