Im ersten, vergriffenen JAZZLAND-Buch (das jetzt in den laufenden "Stories des Monats" allmählich vollkommen "ausgeweidet" ist) fand man die nachstehende Geschichte über das ebenso "schlamperte" wie erfreuliche Verhältnis zwischen dem Jazz und der heimischen Folklore, das zwar seit dem Jahre 1992 ziemlich unverändert besteht - allerdings haben sich noch einige weitere "Messaliancen" ergeben, die am Ende der Story Erwähnung finden werden:

Story des Monats

Jänner - Februar 2009

WIENER MUSIK

Karl Hodina Gerd Bienert Joschi Schneeberger
Karl Hodina acc&voc Gerd Bienert g Joschi Schneeberger b

Natürlich haben wir in den 20 Jahren nicht nur Jazz und Blues gebracht. Man hörte - wenn auch selten - Folkmusic, einen indischen Sitar-Künstler, Country & Western und sogar vereinzelt Klassik mit ROLAND BATIK, PAUL und auch FRIEDRICH GULDA.

Wenn ich mich recht erinnere, so war die erste "Abweichung" natürlich die dem Jazz nahe verwandte WORRIED MEN SKIFFLE GROUP mit ihrer urigen Mischung aus Folk, Jazz, Blues und Dialektsongs, die uns ja bis heute erhalten geblieben ist.

Aber dann kam schon der unvergessene FRANZ(I) BILIK, der mit seinen deutsch getexteten Jazzliedern die Dialektwelle allenthalben so richtig ins Laufen brachte, ohne dafür allerdings auch nur ein Lorbeerblatt einzuheimsen.

Versuche mit den heute so populär gewordenen NEUWIRTH-EXTREM-SCHRAMMELN und dem großartigen Duo von STADLMAYR/KROUPA scheiterten, denn so gerne manche Jazzer auch diese nicht verkitschte Volksmusik hören wollen, so fehlte den Fans bei uns das richtige Ambiente dafür.

Der einzige, der richtig "einschlug", war (wen wundert's?) der KARL HODINA, der in jüngeren Jahren sich häufig in Jazzkreisen bewegte und in "Art-Club" und "Strohkoffer" bei so mancher Session sehr gute Figur machte. Zusammen mit seinem Partner EDI REISER legte er im 'landl einige herrliche Volksmusik-Abende hin, die beim Publikum helle Begeisterung hervorriefen. Aber eines Tages kam der Karl zu mir und gab mir mehr oder weniger deutlich zu verstehen, dass er die Wiener Musik natürlich sehr gerne spiele, aber dies ohnehin bei den allerbesten Wiener Heurigen allwöchentlich mache.

"Dort würde ich keinen Jazz spielen", sagte er sehr logisch.

Seitdem können wir uns den Karl auf Klavier und vor allen Dingen auf seiner Ziehharmonika zu Gemüte führen die er wie kein Zweiter - US-Asse miteingeschlossen - zum Swingen bringt.

Jahrzehntelang nahm der Karl keinen Tropfen Jazz zu sich - selten kann man sich über die Beendigung einer Abstinenz so freuen.


Inzwischen ist der KARL zu einer absolut unverzichtbaren Größe im JAZZLAND geworden - gemeinsam mit seinem langjährigen Jazz- und Reise-Partner GERD "WOODY" BIENERT an der Gitarre als "Jazz zu Zweit" und auch als "Jazz zu Dritt" mit dem Sinti- und Jazz-Bassisten JOSCHI SCHNEEBERGER zeigt uns KARL HODINA immer wieder in Perfektion, daß er nicht nur mit dem "Herrgott aus Stoa" auf "Du und Du" steht, sondern auch die Swinggötter aus der Bronx und Harlem zu seinen persönlichen Freunden zählen darf.

Jetzt ist auch der Name JOSCHI SCHNEEBERGER gefallen, der seit mehr als einem Jahrzehnt zu den absoluten Granaten unter der vielen herrlichen Bassisten in Wien zählt, die alle irgendwie vom unvergessenen RUDI HANSEN abstammen. Joschi kann am Bass so ziemlich alles, was ein Klassemann benötigt (und daß er kein perfekter Notenleser ist, merkt man nicht, weil er einfach auch die kompliziertesten Partituren nach Anhören in seinem Computergedächtnis abspeichert).

Und der Joschi ist gleichzeitig Jazzer, Wiener und Sinti und so verbindet er - da er keine seiner drei Wurzeln beleidigen will - die Musikrichtungen aus den Städten an Mississippi und Donau mit der jahrhundertealten Spielweise des "fahrenden Volkes" zu einer neuen Dimension, die er mit Sextett (mit KARL) und Trio (mit seinem Sproß dem g-Wunder DIKNU) dem erfreuten Jazz-Publikum "unterjubelt", das niemals zu einem Konzert mit heimischen Klängen pilgern würde.

Wiener Musik und Jazz haben ja einiges gemeinsam - beide kommen aus Weltgegenden, wo die verschiedensten Völker zusammen geprallt sind - in den USA Menschen aus so gut allen Weltgegenden und im Wien der vergangenen Jahrhunderte die Bewohner aus so gut wie jedem Eckchen der Habsburger-Monarchie.

Vielleicht liegt es daran, daß ich bei so manchen Nuancen aus den Kehlen von absolut un-jazzerischen Persönlichkeiten wie dem grandiosen Staatopern-Tenor JULIUS PATZAK oder dem Film- und Bühnen-Giganten PAUL HÖRBIGER eindeutige Swing-Tendenzen zu entdecken glaube.

Und warum auch nicht - gute Musik bleibt gute Musik!


© Axel Melhardt
Story