Story des Monats

Jänner - Februar 2006

Als Auftakt und als einziger Beitrag des JAZZLAND zum grassierenden Mozart-Jahr, denn Tilly und ich bangen um die gnadenlose Vermarktung des innig geliebten Meisters aus Salzburg durch die allgegenwärtige Eventgesellschaft:

Blind John Davis & Wolfgang Amadeus Mozart

Blind John Davis Blind John Davis


Seiten müßte man über diesen großartigen Musiker und liebenswerten Menschen schreiben - Gott sei Dank war er mehrmals in Wien, und wir durften in ihm ein echtes Denkmal der amerikanischen Volksmusik ausführlich kennenlernen.

John wurde um 1911 im Süden der USA geboren, erblindete im Alter von etwa zwölf Jahren (vielleicht war es Moonshine-Whisky, also gepanschter Alkohol - er selbst kannte den Grund nicht), und lernte in der Kaschemme, in der sein Vater als Koch arbeitete, mehr oder weniger autodidaktisch Klavier spielen.

In den 30-er Jahren wurde er zu einem der meist aufgenommenen Pianisten der pulsierenden Blues-Szene in Chicago, kaum ein großer Sänger oder eine große Sängerin, die nicht irgendwann einmal mit ihm im Plattenstudio landete - MERLINE JOHNSON (alias YAS YAS GIRL), BIG BILL BROONZY, DOC CLAYTON, MEMPHIS MINNIE und viele andere. In den Jahren zwischen 1940 und 1970 nahm das Interesse an reinem, unverfälschtem Blues weltweit ab, und John geriet völlig in Vergessenheit. Nur in den 50-er Jahren schien er einmal als Begleiter des großen BIG BILL BROONZY bei einer Europa-Tournee auf - dann verschwand er vollkommen in der Versenkung.

1973 tauchte er plötzlich im Tournee-Programm von SIGGY CHRISTMANN auf und wir engagierten ihn sofort nach Wien. Verwundert stellten wir fest, daß er absolut nicht nur ein erstklassiger Begleiter war, sondern auch solo und als Sänger über eine sehr hohe Klasse verfügte.

Wie bei so vielen Musikern seines Kalibers, beschränkte sich sein Repertoire absolut nicht nur auf den reinen Blues (was aber - komischerweise - in seinem Fall nicht einmal den eingefleischtesten Puristen störte), und so konnte man nach einem fetzigen "Kansas City" auch durchaus einen überaus geschickt arrangierten "Dippermouth Blues", der ja gar kein Blues ist, oder ein schmachtendes "When I Lost My Baby" hören. Und sogar als traditioneller Bandpianist stellte er seinen Mann. Als ich an einem spielfreien Tag mit ihm die ORIGINAL STORYVILLE JAZZBAND in ihrem leider verblichenen Lokal besuchte, stieg er ein, und wir staunten alle über seinen gekonnten und unkonventionellen Stil.

Mit unzähligen Stunden Verspätung traf er damals am Flughafen Schwechat ein - in einer Maschine aus Beirut . . .

In irgendeinem Flughafen hatte man ihn in die falsche Maschine gesetzt, und sein Weg von Chicago nach Wien ging eben über die damals noch stehende Hauptstadt des Libanon und zwei weitere Stationen, an die er sich beim besten Willen nicht erinnern konnte. Aber endlich war er da, das war alles, was zählte.

Wir brachten ihn ins Hotel, und seine erste Frage war, wie denn der Lichtschalter stehen müsse, damit es hell im Zimmer würde. Zuerst verstand ich seine Frage nicht ganz, aber dann erkannte ich seine große Fürsorglichkeit für seine sehenden Mitmenschen - wann immer wir ihn besuchten, und mochte es ein strahlender Sonnentag zu Mittag sein, so stand er von seinem peinlich ordentlich gemachten Bett auf, um für uns das Licht aufzudrehen . . .

Er war auch sehr um seine Kleidung bemüht. Wenn er sich für seinen abendlichen Auftritt fertig machte, fragte er meine Tilly nach der passenden Krawattenfarbe zu seinem Anzug.

Vielleicht hatte ihn ihr Charme fasziniert, denn am Ende seines ersten Wien-Aufenthaltes nahm er mich ganz ernsthaft zur Seite und fragte mich streng, ob ich mit meiner Tilly, die damals schon zu einem Begriff in der Wiener Jazz-Szene zu werden begann, denn auch verheiratet wäre.

"Noch nicht", gestand ich wahrheitsgemäß. "The next time I come you better be married", forderte er mich ultimativ auf. (Das nächste Mal, wenn ich komme, dann seid ihr gefälligst verheiratet!).

So arrangierten wir es einfach, daß wir bei seinem nächsten Besuch in Wien - Oktober 1973 - den Weg zum Standesbeamten antraten. John ließ es sich natürlich nicht nehmen, bei der Hochzeit aufzuspielen. Als ich dem beamteten, ebenfalls blinden Harmoniumspieler mitteilte, daß wir auf seine Dienste in aller Freundschaft verzichten wollten, war dieser erst fürchterlich enttäuscht; als er aber trotzdem den vorgesehenen Obulus in voller Höhe in die Hand bekam, war er sofort kooperativ.

John hatte niemals ein Harmonium bedient und sprach kein Wort Deutsch; der Einheimische sprach kein Wort Englisch - und trotzdem verstanden sich die beiden Blinden innerhalb kürzester Zeit. John trat wie ein alter Experte in die Pedale.

Vor der Zeremonie hatten wir den Standesbeamten mit einer Flasche Whisky bestochen - er sollte das Ganze kurz und schmerzlos machen. Er hatte uns wohl falsch verstanden, denn er redete und redete und redete - bis es dann endlich dem guten John zu lange dauerte. Er verstand kein Wort, und mitten in die erlauchten Phrasen begann er "The World is Waiting For the Sunrise - Boogie" zu spielen. Der Mann im Talar verstand den Wink mit dem Laternenmast und hörte auf zu zeremonieren - und wir konnten allesamt Richtung Gläser und Teller in das leider verschwundene Restaurant Daschütz unter einem Bogen der Stadtbahn aufbrechen.

Neben der Musik und seinen Frauen (ich kam niemals dahinter, wie viele in den USA eigentlich auf ihn warteten, und mit welcher er gerade verheiratet war) hatte John noch ein weiteres ausgeprägtes Interesse: Bourbon-Whisky, den er mit erstaunlicher Standfestigkeit und Regelmäßigkeit zu sich nahm. Aber wie viel er auch trank, ich erlebte ihn niemals spielunfähig oder echt angeschlagen. Mit zunehmendem Alter ließ dann seine Aufnahmekapazität etwas nach, was er damit beantwortete, daß er einfach das eine oder andere Glas weniger zur Brust nahm. Hart ausgedrückt: John war ein Säufer, der sein Laster bemerkenswert unter Kontrolle hatte - was für einen Menschen mit seinem Handikap sicherlich doppelt bewundernswert ist.

Weiter oben habe ich geschildert, wie Blind John bei seinem ersten Wien-Besuch von einem Flughafen zum anderen herumgereicht worden ist und erst nach einer wahren Odyssee in Wien ankam. Verständlicherweise war er ein geographischer Nichtswisser und als ich mit ihm eine Mini-Tournee durch Österreich durchführte, war es ihm vollkommen einerlei, ob er nun in Graz, Braunau, Vöcklabruck oder Salzburg gastierte.

Halt, nein, doch nicht.

Denn irgendwie in Salzburg mußte er den Namen der Stadt gehört haben, denn plötzlich fragte er mich ganz aufgeregt, ob denn dies das Salzburg sei, in dem Wolfgang Amadeus Mozart geboren sei. Natürlich, bestätigte ich ihm, denn ich kannte ohnehin kein anderes. (Das muß man noch nachforschen, denn immerhin gibt es über 40 Ortschaften namens "Vienna" in den USA.)

Ob es denn noch ein Klavier in der Stadt gäbe, auf dem der Meister gespielt hatte, wollte er wissen.

"Mozarts Geburtshaus ist keine zweihundert Meter von hier", sagte ich John. "Ich werde nachfragen gehen."

"I would give my life", sagte John ganz ergriffen, "to play on his piano!"

Und jetzt begann für mich eine Odyssee, die nicht ganz unähnlich von John's erster Anreise nach Österreich war. Ich ging von Pontius zu Pilatus, sprach mit desinteressierten Magistratsbeamten, unfreundlichen Kustoden und grantigen Gesellschaftsvizevorsitzenden bis ich dann endlich auf eine nette ältere Dame traf, die nicht nur Vorschriften und Paragraphen sondern auch Ausnahmen und Hintertürchen kannte. Sie meinte, ich solle am nächsten Vormittag mit John ganz einfach um 11 Uhr das im Geburtshaus befindliche Museum aufsuchen, sie würde zu dieser Zeit im Klavierzimmer sein, und der alte Herr (sie meinte John und nicht mich) soll sich ganz einfach ans Klavier setzen und spielen - sie würde dies auf ihre Kappe nehmen.

Natürlich lud ich sie zum abendlichen Konzert ein, und sie kam wirklich und war von dem schlicht und einfach musizierenden John echt begeistert - sie als versierte Klassikerin bewunderte seinen tief gefühlsbetonten Stil von ganzem Herzen.

Am nächsten Morgen berichtete mir John, daß er die ganze Nacht kaum geschlafen hatte, denn er wollte keinen Whisky trinken, um die Begegnung mit Mozarts Klavier voll genießen zu können. Er fieberte unserem Gang ins Museum förmlich entgegen und tastete alle zwei Minuten auf seine Blindenuhr mit Braille-Schrift und meinte, daß die Zeit überhaupt nicht zu vergehen schien.

Dann war es endlich soweit - wir gingen die paar Meter durch die Getreidegasse und mühten uns die hohen Stufen in den Ersten Stock hinauf. Die reizende Dame - Schande auf mein Haupt, ich habe ihren Namen vergessen - erwartete uns schon und ehrfürchtig tastete sich John an den alten Stutzflügel heran.

"Hoffentlich spielt er nicht zu lange", flüsterte sie mir noch zu, dann setzte sich John, strich mit seinen endlos langen Fingern fast zärtlich über die Tastatur und schlug dann ein einziges tiefes "C" an - und stand auf.

"That is enough!" flüsterte er ehrfürchtig, "das ist genug!"

BLIND JOHN DAVIS verabschiedete sich von dieser Welt im Herbst 1985 auf seine typische, ruhige Art und Weise. Voll Freude über einen Festivalauftritt in Texas setzte er sich in ein Taxi zum Flughafen von Chicago. Vielleicht wunderte sich der Lenker ein wenig über seinen extrem schweigsamen Fahrgast, denn irgendwo auf dieser Strecke tat John seinen letzten Atemzug.


(Diese Story stammt aus dem ersten JAZZLAND-Buch und wurde nur durch den Absatz über Johns Besuch in Salzburg ergänzt)


© Axel Melhardt
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