Story des Monats

Jänner 2005

WILD BILL DAVISON

Wild Bill Davison Wild Bill Davison
Wild Bill Davison co in den 50ern ... ... und in den 80ern

Den wilden BILL hörte ich das erste Mal live in der Schweiz. Man hatte mich 1958 nach Montreux in ein Internat verbannt. Eines Tages hingen Plakate in der Stadt: "WILD BILL DAVISON mit den TREMBLE KIDS", Konzert in Genf, am anderen Ende des gleichnamigen tiefen Sees. Ausgang zu bekommen war infolge meiner allgemeinen Verhaltensmuster im Internat unmöglich. So suchte ich auch darum gar nicht an, um nicht unnötig Aufmerksamkeit zu erregen, empfahl mich über einen günstig stehenden Baum und fuhr nach Genf, hörte mit glühenden Ohren zum ersten Mal diesen gigantischen Kornettisten, verbrachte den Rest der Nacht auf einer Parkbank, erster Zug zurück nach Montreux, Klettern über den Baum, überraschendes Treffen mit einem Kontrollorgan und Ausgangsverbot für den Rest des Semesters.

Aber - ich hatte WILD BILL gehört.

Jetzt war ich mit meiner TILLY beim Festival in Nizza, man schrieb 1974 und unter all den gloriosen Namen auf dem Festivalprogramm stand in meinen Augen mit leuchtenden, blinkenden Lettern, alle anderen überstrahlend: WILD BILL DAVISON.

Nach einem herrlichen Set, den er mit ZOOT SIMS gemeinsam absolvierte - die Experten staunen, es war trotz der stilistischen Unterschiede traumhaft, denn der große ZOOT paßte sich geradezu liebevoll dem ungestümen BILL an -, faßte ich meinen Mut zusammen und sprach den Titanen an.

"I have a club", begann das Blabla, und WILD BILL war freundlich und interessiert.

"Treffen wir uns um 7.00 Uhr im Restaurant", meinte er, "da bin ich mit meiner Frau verabredet, and she handles the business!"

19.00 Uhr - TILLY und ich waren da, WILD BILL auch, aber von seiner noch immer berauschend schönen Frau ANNE keine Spur.

"Where is that goddam broad", begann er. Und seine weiteren Ausführungen über seine Angetraute kamen in Maschinengewehrtempo und absolut nicht druckreif. Die Tirade währte anderthalb Minuten, bis schließlich die charmante ANNE in sein Gesichtsfeld trat.

Mit einem abrupten Stop endete die Aufzählung aus Brehms Tierleben und ein freundliches Lächeln überzog seine Miene.

"Hello, Darling", charmierte er. So war er, unser WILD BILL. Ein überschäumendes Temperament im Spiel wie im Leben, wild und unbeherrscht, im nächsten Moment liebenswürdig und charmant, voller Schalk und Spitzbubenstücken.

Wir fuhren nach Vöcklabruck, wo KLAUS GERD BERGER und WALTER SCHOBERMAYER eine kurze, aber erfolgreiche Konzertserie organisierten. Ich fuhr mit zirka 140 km/h durch die Landschaft.

"Don't drive so fuckin' fast", grollte WILD BILL. Ich reduzierte verängstigt auf 90 km/h. Zwei Minuten später: "Don't drive so fuckin' slow!".

Ich steigerte meinen alten, lieben, nie vergessenen Citroen DS21 auf 110 km/h. Eine halbe Minute später: "Don't drive so fuckin' in between!".

Und endlich kapierte ich, daß dieses große Kind mich einfach "pflanzen" wollte.

Etwas später ein Dialog zwischen ANNE und WILD BILL, der eigentlich in die Jazzgeschichte eingehen sollte:

Sie nickte ein wenig auf dem Hintersitz ein, und WILD BILL machte mir mit deutlichen Gesten klar, daß dies eine gute Gelegenheit sei, um ihm eine Zigarette anzubieten. Kaum hatte er den ersten Zug genußvoll inhaliert, kam von hinten: "Wilhelm, I don't want you to smoke." Natürlich im allerbesten Shakespeare-English, denn ANNE war ja schließlich eine HolIywood-Schauspielerin, ehe sie die Betreuung ihres Mannes übernommen hatte.

"Goddam, don't bug me. I'll die anyhow", fluchte er. "Yes, I know", säuselte sie, "but I want you to die healthy!"

WILD BILL spielte ebenfalls mit all unseren Bands, die BARRELHOUSE JAZZBAND aber war seine Band. Man traf zum allerersten Male in Burghausen aufeinander, und WILD BILL bekam - wie alle Kornettisten - einen gehörigen Schreck, als er das Sopransaxophon von ALFONS WÜRZL sah. (Der Klang des ss mischt sich sehr schlecht mit dem Kornett, nur ganz wenig Ausnahmekönner finden in den Ohren der Kornettisten Anerkennung - als ich WILD BILL darauf hinwies, daß er ja sehr häufig mit SIDNEY BECHET am Sopransax gespielt hatte, rechtfertigte sich BILL mit: "Ja, mit dem schon, because he had a gun!!!"). Als dann aber ALFONS mit Vehemenz loslegte, da glätteten sich die Sorgenfalten auf der Stirne des wilden BILL. "Like Sidney", trompetete er. "He is okay!".

Ziemlich daneben ging leider die Plattenaufnahme mit ihm und der BARRELHOUSE. Die ORF-Techniker vermeinten besser als WILD BILL zu wissen, wie man seinen Ton aufnimmt. Er konnte ihnen 100-mal erklären, daß er zwischen zwei Mikros in der Mitte durchblasen müßte, um seinen Ton am besten zu erfassen - sie stellten ihm ein Mikro vor den SchalItrichter und damit war sein persönlicher Klang beim Teufel. Und vor allem war die Aufnahmesession am Vormittag und Mittag - zu einer Zeit also, in dem ein ordentlicher Jazzmusiker seinen Kater vom Vortag pflegt - oder überhaupt erst schlafen geht.

Zudem war BILL so ein verantwortungsvoller Professional, daß er ganz genau wußte, daß er mit dem "Tonwasser" sorgsam umgehen mußte, denn schließlich sollte er ja noch am Abend im JAZZLAND spielen - aufrecht sitzend, versteht sich.

So wurde "WILD BILL DAVISON MEETS BARRELHOUSE JAZZBAND VIENNA" eine der wenigen Plattenproduktionen, die in Wien mit JAZZLAND-Musikern gemacht wurden, ein eher schwächeres Produkt. Ein schönes Souvenir, aber kein Meisterwerk, wie so manches andere.

Uns allen wird es unvergessen bleiben, wie WILD BILL etwa drei bis vier Stunden vor dem Auftritt sich im untersten Keller vom 'Iandl einblies. Er war nervös.

Man glaubt es kaum, aber nach einer Karriere von 1923 bis in die späten Achtziger Jahre war WILD BILL vor jedem Auftritt von Lampenfieber geplagt. Seine Hände zitterten nicht nur vom Scotch der letzten Nacht, sondern vor Nervosität. Dann trank er einen Schluck, blies eine Tonleiter, wieder einen Schluck, dann scherzte er mit seiner Umgebung - es hingen immer viele Fans und Musiker um ihn herum -, dann wieder eine Tonkaskade, ein Schluck - und so ging es dahin, bis es Zeit war, aufs kleine Podium zu klettern. Als er bei seinem letzten Wienbesuch diese Vorbereitungszeit ohne Whisky verbringen mußte, da merkte man, daß er ein alter Mann war. Da waren die Scherze mühsam, das Lachen gequält, und auch sein Spiel war nur mehr eine wehmütige Erinnerung an die alte Gewalt und Herrlichkeit.

WILD BILL war - im Gegensatz zu unserem DOC CHEATHAM - ein Krafttrompeter. Er besaß nicht viel Technik, spielte vieles sicherlich (wenn man das Lehrbuch befragt) "falsch", aber gerade das machte seinen urpersönlichen Stil aus. Fast wie bei LOUIS ARMSTRONG gibt es keinen Kornettisten, der seinen Stil nachmachen konnte. Anklänge hört man höchstens bei dem bei uns leider fast unbekannten CLYDE HURLEY, man hörte sie bei unserem unvergessenen OTTI KITZLER, aber ansonsten ist seine Jazzpersönlichkeit ohne direkte Epigonen - sein Klang war einmalig - wie seine wilde, liebenswerte, stürmische und sanfte Persönlichkeit.

Wir alle sind sehr glücklich und dankbar, daß wir ihn so oft in Wien erleben durften.


© Axel Melhardt
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