September im Regen

Im Angesicht der Todeszone

von Richard M. Sudhalter
Übertragung von Bernhard "Barney" Dudek

Originalfassung


Kurz nach elf war es am Donnerstag Morgen, und im Union Square Park fielen schwere Tropfen vom Himmel. Eine Kehrtruppe der Parkverwaltung stritt sich um die geschützten Plätze, und sie dankten Gott, daß sie noch nicht dazu hier waren, die Tausenden und Abertausenden von Blumen und Kerzen wegzuräumen, die diesen historischen Ort seit jenem Dienstag, dem 11. September 2001 in einen heiligen verwandelt hatten, in einen Tempel der verlorenen Menschlichkeit - ja, und vielleicht auch der wiedergefundenen.

Schließlich trollten sie sich lustlos in die unbelebten Winkel des Parks. An der Südseite, dort wo die 14. Straße quert, rutschen drei Frauen auf den Knien durch ein Meer von welken Blüten, und unter den strengen Augen des Denkmals von George Washington versuchen sie da und dort die Kerzen vor dem Regen zu schützen, die kleinen Flammen der Erinnerung zu erhalten.

"Hat hier jemand Streichhölzer?" flehte die eine. "Bitte, lassen Sie diese Kerzen nicht ausgehen!" Ein Passant reicht ihr ein Feuerzeug. In den Tiefen meiner Manteltasche ertaste ich eine kleine Schachtel Streichhölzer, wohl ein längst vergessenes Souvenir aus irgendeinem Restaurant in Rom oder Wien. Sie nimmt sie, und mit feuchten Augen zündet sie eine kleine Kerze unter tausenden wieder an.

Ich streife durch die Straßen von Manhattan in diesem Regen und versuche, mich von den Fesseln jener Lethargie zu befreien, die mich die letzten zehn Tage gefangen gehalten hatte. War es nicht verwirrend? An jenem Dienstag Morgen war ich inmitten leuchtender Farben am Strand gesessen, in Sicherheit, während erregte Stimmen in Radio und Fernsehen Feuer und Zerstörung und Tod jenseits des Begreifbaren schilderten. Irgendetwas in meinem Gehirn sträubte sich beim Zusammentreffen dieser Widersprüchlichkeiten. "Ich muß das nicht glauben, wenn ich es nicht glauben will", sagte John O'Hara, als er eines Tages im Jahre 1937 erfuhr, daß George Gershwin, das Wunderkind der amerikanischen Musik, im Alter von nur neununddreißig Jahren gestorben war. Auch ich wollte meinen Ohren nicht trauen an jenem 11. September: Die Gedanken waren blockiert.

Eine erste kleine Erleichterung verspüre ich, als ich die Frau beobachte, wie sie, auf den Knien rutschend, die Hoffnung nährt mit Hilfe meiner Zündhölzer; als ich die Feuerwehrleute in ihren schwarzen Regenjacken plaudern höre, während sie an rasch errichteten Ständen von McDonald's ihre Hamburger verschlingen; und angesichts der ungebrochenen Energie, mit der ein junger Rot-Kreuz-Helfer Mineralwasser und Limonade verteilt an die weißmaskierten Männer, die Fuhre um Fuhre Schutt wegbringen nach Staten Island.

Der Regen läßt etwas nach. Ich gehe den Broadway südwärts - aber einen Broadway, wie ich ihn nie zuvor sah: Grau in grau, verschwommen zu einer eintönigen Fläche. Doch einzelne Farbflecken leuchten hervor: Ein buntgekleideter Haitianer spielt "The Star Spangled Banner" auf seiner Trommel, zu stolz, die fünf Dollar eines Passanten anzunehmen; eine Gipstafel an der Wand, auf die jemand mit scharlachrotem Lippenstift geschrieben hatte: "Zerstörung hat im Leben niemals das letzte Wort"; färbige Flugblätter mit Fotos aus glücklicheren Tagen, die Nachricht heischen von Sell J. Zisa, zuletzt gesehen im 100. Stockwerk im Turm eins, von Amy O'Dougherty, von Linda Rivera, von Drew Bailey ...

Immer größere Gruppen von Polizisten, Feuerwehrleuten und Nationalgardisten und endlose Reihen von Notstromaggregaten sind die Zeichen, daß ich mich der Todeszone nähere. Mehr als das alles, sogar mehr als die allgegenwärtige Rußwolke, fesselt der Geruch die Sinne: Beißend und süßlich, umfängt er diesen Ort auch noch nach neun Tagen wie ein böser Fluch. Selbst der Regen bringt keine Linderung.

Auf meinem Weg durch die Chambers Street unterhalte ich mich mit ein paar Polizisten, als sich eine Frau zu uns gesellt ("nennt mich einfach Shirley"). Sie wohne da ums Eck, erzählt sie, und sie habe kein Problem gehabt, zur Kenntnis zu nehmen, was da passiert war, denn "wir haben solches Zeug schon hundertmal im Fernsehen und im Kino gesehen. Solche Explosionen, und brennende Türme und solches Zeug. Aber wißt ihr, was mich wirklich fertig macht? Wenn ich hier rausgehe und die Straße runterschaue - und nichts da unten sehe - absolut nichts! - das ist schrecklich."

Ein Stück weiter südlich, an einem Kiosk mit den klingenden Namen "The Balloon Saloon", hält ein halbverhungerter Straßenjunge den amerikanischen Traum am Leben und verkauft rote, weiße und blaue Luftballons um einen Dollar pro Stück. Und stolz zeigt er auf den kleiner werden Stapel T-Shirts, alle bedruckt mit Motiven zu diesem einen Thema. Auf dem Hintergrund des Sternenbanners steht "9-11-01 - and still standing", (etwa: und noch immer ungebrochen), wobei die Türme des World Trade Center die Zahl "elf" darstellen.

Regen, Staub und Ruß haben Aufschriften und Symbole an den Mauern unter einer Schicht eklig graubrauner Schmiere verschwinden lassen. Eine Filiale der North Fork Bank an der Ecke Hudson und Chambers erscheint wie eine gespenstische Parodie eines Bunkers aus dem II. Weltkrieg. Und Ruby's Buchladen und Anna's Nagelstudio, ein Schuhgeschäft und andere scheinen verwandelt in verstaubte Kulissen aus irgendeinem ausgedienten Lager Hollywoods.

Der größte Teil des betroffenen Areals ist für die Öffentlichkeit nach wie vor gesperrt: Am Broadway im Osten, an der Chambers Street im Norden. Aber wenn man an der Ecke Cortland oder Liberty steht, ist das ganze Ausmaß der Zerstörung zu sehen, das jedem Vergleich mit anderen Katastrophen standhält mit seinem ungeheuren Haufen von Schutt und Asche und dem erdig-düsteren Leuchten des Brandes.

Eines der am häufigsten fotografierten Motive ist ein riesiges Stück der Turmfassade, das wie ein in die Erde gerammter Schild schräg zum Himmel zeigt. Würde jemand einen Bildhauer beauftragen wollen, zum Beispiel Richard Serra, ein Denkmal zu gestalten zur ewigen Erinnerung an diesen Dienstag, den 11. September, er könnte nichts Eindrucksvolleres schaffen.

Eine Tafel vor dem Odeon Café-Restaurant an der Ecke Thomas und West-Broadway verspricht "Gratismahlzeiten für Feuerwehrleute, Polizisten, Rot-Kreuz-Helfer und Nationalgardisten mit Ausweis". An der nächsten Ecke bietet ein mobiler Telefonwagen "Gratisgespräche, gestiftet von Verizon Public Communications". Aber das hier ist New York - und freilich sind die Telefone unbenützbar.

Am frühen Nachmittag hört es endlich auf zu regnen, und ich verlasse die Stätte des Grauens. Vielleicht, dieser Gedanke geht mir durch den Kopf, vielleicht sollte jeder aus dem friedlichen Fleckchen Erde, das ich mein Zuhause nenne, diese Wallfahrt machen hierher, diesen Ort zu spüren, diesen Widerspruch der unglaublichen Wahrheit in sich aufzunehmen, wie ihn keine Fernsehbilder zu vermitteln vermögen, die - selbst aus allernächster Nähe aufgenommen - doch nur Ferne signalisieren.

Ferne war für viele von uns der Schutz an jenem Morgen des 11. September 2001. Wir konnten den Schrecken miterleben, den Schock, die Wut, die Verzweiflung - und wir konnten uns aber auch nach Wunsch abwenden davon, uns Ablenkung suchen in der Routine des Alltags, in der beruhigenden Schönheit der Umgebung und dem Gefühl der Sicherheit, das sie uns vermittelt.

Aber wir dürfen uns nicht mehr abwenden. Diesen Luxus können wir uns nicht mehr leisten. So wie die Szenen von der Todeszone an diesem verregneten Donnerstag nicht mehr aufhören werden, mich zu verfolgen.

*   *   *

Richard M. Sudhalter, Buchautor und Jazz-Trompeter, wohnt in Cutchogue.


SEPTEMBER IN THE RAIN

Walking to Ground Zero

By Richard M. Sudhalter

deutsch


It's Thursday morning at a quarter past eleven, and in Union Square Park the rain is beating down hard.  A City Parks Department broom crew scrambles for shelter, relieved that they don't yet have to start sweeping up the thousands of flowers and candles that in the days since Tuesday, September 11, 2001, have transformed this historic place into a holy one, shrine to humanity lost and - in some few cases - found.

At length, listlessly, they push off toward unoccupied corners of the park. On the south side, just above Fourteenth Street, the familiar statue of George Washington on horseback gazes down at three women on hands and knees, crawling through a slurry of wilted blossom, stopping here and there to keep candles, small flames of remembrance, from vanishing in the downpour.

"Doesn't anyone have any matches?" one implores. "Please don't let the candles go out." A bystander proffers a cigarette lighter. In the depths of an overcoat pocket I find, improbably, a tiny box of matches, reminder of some restaurant visited long ago in Rome or Vienna. She takes it, eyes moist as she relights one small taper among thousands.

I'm walking the streets of lower Manhattan in this rain, trying to dispel a cognitive dissonance that for ten comatose days has held me in thrall.  How bewildering, to have sat safe amid the dazzling greens, golds and blues of a Peconic Bay Tuesday morning while radio voices described fire and ruin and death beyond comprehension. Something in the mind, some bit of psychological machinery, jammed in a collision of two realities. "I don't have to believe it if I don't want to," John O'Hara said on learning, one day in 1937, that George Gershwin, golden boy of American music, had died at thirty-nine. The events of September 11 found me, too, unwilling to credit my ears: so the mental gears just locked.

A first small portent of release comes as I watch the woman on her knees, kindling hope with my matches; witness the casual small-talk of diggers in soot-caked NYFD raincoats, wolfing quarter-pounders at stands set up by McDonald's; the easy energy of a young Red Cross worker lobbing bottles of water and GatorAde to the white-masked men riding by on trucks hauling rubble out to Staten Island.

The downpour slackens, and I walk south on Broadway - but a Broadway unlike any I've ever known, numberless grays smeared into a single monochrome wash. Bits of color splash through: a gaily-dressed West Indian on a corner playing "The Star Spangled Banner" on a steel drum, waving away a passerby's offer of a five-dollar bill; a hunk of sheetrock propped against a wall, on which someone has scrawled, in bright scarlet lipstick, "In the flow of life, destruction never has the last word." Pink and yellow handbills, their photos recalling happier times, plead for news of Sell J. Zisa, last seen on the 100th floor of Tower One, of Amy O'Dougherty, Linda Rivera, of Drew Bailey...

Concentrations of police and Fire Department workers, of National Guardsmen in fatigues ranged along rows of gasoline-powered elecricity generators, are signs I'm approaching Ground Zero.  Above all, even more than the ever-present soot cloud, the smell arrests attention: at once acrid and almost sweet, it's aggressive in an evil and uniquely ancient way, and still, after nine days, blankets the site. Not even the rain disperses it.

Moving west on Chambers Street, I m chatting with some cops when a woman ("just call me Shirley") wanders up.  She lives nearby, she says, and she's been able to accept what happened because "we've seen stuff like this so much in movies and on TV.  All the pyrotechnics and stuff. But you know what gets me? Going outside and looking down my street and seeing nothing there, nothing at all - that s the hard part."

Farther south, at a corner stand labelled "the balloon saloon," American enterprise lives on in a rail-thin street guy hawking red, white and blue balloons for a buck apiece. He points pridefully at his rapidly dwindling stock of tee shirts, all variations on a theme. "9-11-01 and still standing," one proclaims against a stars-and-stripes background, the number eleven formed by an image of the twin towers.

Rain and mist have leached away what variegation remains under the patina of grubby brown scorch and soilage coating every surface. It reconfigures a North Fork Bank branch at Chambers and Hudson Streets as a ghastly parody of a World War II bunker. Transmutes Ruby's Book Sales and Anna's Nail Salon, Payless Shoes and Odd Job Trading, into forlorn props on some disused Hollywood backlot.

Most of the immediate disaster site is still blocked off to the public: Broadway on the East, Chambers Street on the North. But if you stand at the corner of Cortlandt or Liberty and look west it's all there, a vast jumble of slag, tatter and slash of ruination and the chthonic gloom of the pit, easily trumping any competing reality.

One of the most-photographed images is of an immense shard of tower latticework, strips of steel hacked into a jagged shield, protruding at a 45-degree angle from the ground. If someone wanted to commission a sculptor, perhaps a Richard Serra, to fashion a monument for all time to Tuesday, September 11, he could do no better than this.

A chalkboard outside the Odeon Café and Restaurant, Thomas and West Broadway, offers "complimentary dining for FDNY, NYPD, EMS, National Guard and Red Cross with official ID." A mobile phone wagon parked on a street corner offers "Free calls, compliments of Verizon Public Communications." But this is New York, after all, and naturally the phones don't work.

Sometime after two the rain finally lets up, and I head back uptown. Perhaps, I get to thinking, everyone out there in the pastoral place I call home should make this pilgrimage, come and touch these places, resolve these colliding realities by internalizing them personally, in a way no media image, distant even in its most on-the-spot immediacy, can achieve.

Distance protected many of us the morning of September 11, 2001. We could feel horror, shock, outrage, compassion, generosity, resolve - all genuine. But then, as it suited us, we could turn away, take comfort in the routine, the familiar, above all in the tranquil beauty around us and the sense of safety it engendered.

But the time for turning away is past. As the images of this rainy Thursday at Ground Zero never stop reminding me, that is a luxury we can no longer afford.

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Author and jazz trumpeter Richard M. Sudhalter lives in Cutchogue.